Zielitz/Loitsche l Wenn Fremde um das kleine Fachwerkhäuschen herumschleichen, in Fenster spähen, Efeu zur Seite schieben und jeden Stein umdrehen, dann wundert sich Mario Plate längst nicht mehr. Er ist Inhaber des Ausflugscafés Bahnwärterhäuschen in Loitsche. Dass ständig Neugierige auf seinem Areal herumstromern, stört ihn nicht – eher im Gegenteil. Sein Café ist einer der insgesamt 82 Punkte rund um das Kaliwerk in Zielitz, an denen es kleine Schätze zu holen gibt.

Geocaching heißt das englische Wort für eine Bewegung, die längst auch die Region eingeholt hat. Das Prinzip ist einfach: Auf dem Smartphone wird auf einer Landkarte angezeigt, wo die kleinen Verstecke – „Caches“ genannt – zu finden sind (siehe Infokasten). Ist man an dem virtuellen Punkt angekommen, beginnt die Suche – wie bei einer Art Versteckspiel. Wonach man genau sucht, ist unterschiedlich. Von einer Minidose, die so groß wie eine Fingerkuppe ist, bis zum Wäschekorb kann nahezu alles dabei sein. Auch verschiedene Formen und Schwierigkeitsgrade gibt es. Es gilt, vor Ort auf Auffälligkeiten zu achten. Ist der Cache gefunden, trägt der Glückliche sind ins sogenannte „Logbuch“ ein.

Versteckt werden die kleinen Schätze von Geocachern selbst. Es gibt einzelne Funde, aber auch richtige Runden, in denen dann mehrere Caches versteckt sind. Und ein solches Projekt hat sich eine Gruppe abenteuerlustiger Schatzjäger auf die Fahnen geschrieben. Sie kennen sich nur über ihr Hobby – Ronny Röder, mit Cachernamen „diesdusdasdus“, Susann Arndt alias „Kupferzwerg“, Michael Preiß alias „Der Winninger“, Marko Steimecker alias „Beutelbodo“, Felix Ebert alias „Ywomsone“, Oliver Hass alias „Amundsen17“ und Torsten Marek alias „tmaw65“. Diese Sieben haben sich zusammengesetzt und eine Geocaching-Runde mit Rätseln rund um den Bergbau erstellt.

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Passend dazu haben sie ihre Runde „Glück auf“ genannt. Deutschlandweit gibt es zahlreiche solcher themenbezogenen Runden, aber keine wird gerade so gut besucht wie jene in Zielitz. Seit Juli 2019 ist sie öffentlich. Seither haben etwa 170 Besucher die Runde komplett absolviert – und hervorragende Bewertungen hinterlassen. Aus der Region, den Nachbarländern Sachsen und Bayern und sogar Dänemark reisten die Geocaching-Fans an, um auf Verstecksuche zu gehen.

82 Rätsel müssen gelöst werden

Wollen Geocacher diese Runde antreten, müssen sie sich zuerst am Computer durch 82 Rätsel kämpfen. So müssen sie beispielsweise puzzeln, rechnen oder Worte entschlüsseln, um an die Koordinaten zu kommen, an denen letztlich der kleine Schatz liegt. Und genau diese 82 Rätsel hat das siebenköpfige Team erstellt. Bereits ein halbes Jahr vor der Veröffentlichung begannen die Vorbereitungen.

Die zündende Idee hatte Ronny Röder, selbst Bergmann bei K+S. „Ich wollte das Bergbau-Symbol auf der Geocaching-Karte auf der Zielitzer Halde platzieren. Das passte einfach gut“, sagt er. Doch für die Umsetzung eines solches Mammutprojektes bedarf es mehrerer schlauer Köpfe. Und genau die holte er sich ins Boot – alles Geocacher, die er im Laufe der vergangenen Jahre kennengelernt hat. Sie willigten ein.

Die Arbeit wurde aufgeteilt. Die einen dachten sich die Rätsel aus, die anderen schlugen sich mit der Technik herum, wiederum andere durchforsteten das Gebiet rund ums Kaliwerk auf potenzielle Verstecke. Jeder übernahm etwa zehn Caches, sodass jeder seine eigene Note mit in die Runde einbringen konnte. Dabei musste sich der Großteil der Teammitglieder selbst in Sachen Bergbau fit machen – nur zwei der sieben sind in dem Beruf tätig.

Dabei werden auch Ausflugsziele und besondere Orte – wie eben das Auflugscafé Bahnwärterhäuschen – mit einbezogen. Im Vorfeld haben die Schatzsucher mit den Betreffenden gesprochen und eine Erlaubnis eingeholt. Das Kaliwerk selbst spielt bei der Runde eine Rolle – wie genau, soll hier jedoch nicht verraten werden. „Wir beobachten das Geocaching als eine sehr interessante Freizeitbeschäftigung, die wir auch gern unterstützen“, sagt Thorsten Kowalowka, Pressesprecher von K+S Minerals ans Agriculture GmbH.

Damit die Runde eine ganz besondere wird, haben sich die Mitglieder für eine sogenannte Matrix entschieden. Das bedeutet: Auf der Runde sind alle Schwierigkeitsgrade sowie alle Terrains dabei. Der Cache kann also am Boden oder hoch oben im Baum sein, er kann kinderleicht oder nur mit rauchendem Kopf gelöst werden. „Es sollte eine Runde für die ganze Familie werden“, beschreibt Ronny Röder. Auch mit einfachen Mitteln können Besucher die Runde absolvieren. Einplanen müssen sie vor Ort mindestens sechs bis sieben Stunden und insgesamt 20 Kilometer Wegstrecke.

Doch mit der Veröffentlichung der Bergbau-Runde hört die Arbeit für die sieben Geocacher nicht auf. So müssen die Schätze gewartet werden. Gibt es Probleme, können Besucher das dem Team melden. Das kann ein vollgeschriebenes Logbuch sein, ein Defekt an dem Cache oder eine gänzlich verschwundene Dose. Dann schert einer von ihnen aus und repariert den Fund.

Das Mekka der Schatzsucher

Dass die Runde so gut ankommt, damit haben die sieben Teammitglieder nicht gerechnet. Sie alle sind Geocacher aus Leidenschaft und richten einen großen Teil ihrer Freizeit auf das besondere Hobby aus. Was für sie das besondere daran ist? „Man ist viel unterwegs, lernt neue Leute kennen und sieht interessante Orte“, sagt Ronny Röder. Auch für Susann Arndt ist das Hobby ein besonderes: „Oft kann man einen Wochenend-Trip in andere Städte und Länder machen und sieht Ecken, die Touristen vielleicht nicht sehen.“ Seit fast zehn Jahren betreibt auch Michael Preiß Geocaching – immer auf der Suche nach dem nächsten Cache.

Teilweise gibt es auch verlassene Orte, sogenannte „Lost Places“, die für die Cacher eine Art Mekka sind. Ob ein unterirdischer Bunker, ein verlassenen Möbelhaus oder ein stillgelegter Zug mitten im Nirgendwo – dort zeigt das Hobby seine Höhepunkte. Mitunter stecken die Geocacher viel Geld in ihre Touren. Dann werden die Suchenden beispielsweise mit einem sprechenden Buch durch ein Gebäude geleitet, dann führt eine Hintertür in einen geheimen Raum oder reflektierte Lichtsignale leiten über Spiegel den richtigen Weg durch einen dunklen Tunnel.

Die Bergbau-Runde in Zielitz ist kein verlassener Ort – eher im Gegenteil. Trotzdem bringt er Geocacher in das Gebiet, die nun fast täglich das Werk umrunden und fleißig Schätze sammeln. Und wer weiß, vielleicht lässt der eine oder andere sich vom Häuschen des Bahnwärterhäuschens verzaubern, bleibt noch einen Augenblick bei einem Kaffee sitzen und genießt die Ruhe. Touristenfang auf digitale Art sozusagen.