Wolmirstedt l Im Senegal kommt der Weihnachtsmann barfuß. Temperaturen um die 40 Grad führen Winterstiefel ad absurdum und überhaupt ist ein Weihnachtsmann im muslimisch geprägten Westafrika nicht unbedingt üblich. Und doch wurde der Mann im roten Mantel dort gesehen, bei den Kindern der Schule „Case de Keur Thomas“. Die Schule hat Ute Moritz aufgebaut, sie ist die Direktorin, Hausmeisterin, Kontakterin zu Eltern und Behörden. An ihrer Seite arbeitet Omar Traore, als Bauleiter, Organisator und auf Wunsch auch als Weihnachtsmann.

Knallbunte afrikanische Kleider

Vom Leben in der Schule im Senegal berichteten sie bei ihrem Weihnachtsbesuch in Deutschland und packten bei einem Treffen in der Elbeuer Vordermühle knallbunte afrikanische Kleider aus. Sie wollten ein Stück Fröhlichkeit mitbringen aus dem Land, das für Omar Traore schon immer und für Ute Moritz inzwischen auch Heimat ist. Im Oktober 2018 hat sie dort eine Schule eröffnet, die heißt „Case de Keur Thomas“, der Platz des Thomas und dieser Name erzählt die eigentliche Geschichte der Ute Moritz und ihrer gelb und blau gestrichenen Schule, die mitten in der Sahara steht.

Thomas ist der Name ihres Sohnes, der vor über zehn Jahren bei einem Autounfall verstorben ist, da war er 26 Jahre alt. Fünf Jahre später verlor sie ihren Mann an den Krebs, Ute Moritz blieb mit ihrem Sohn Tobias zurück. Sie hat viele Wege versucht, um mit der Trauer zu leben, hat ein Sabbatjahr in der Bretagne verbracht, wieder an der Gutenberg-Schule unterrichtet. Vor vier Jahren hat sie den Senegal entdeckt und sich sachte in dieses Land verliebt.

Von der Schule in die Sahelzone

Sie kaufte ein Haus in Saly, einer Stadt an der Atlantikküste, eine gute Autostunde entfernt von der Hauptstadt Dakar, blieb drei Monate, solange galt das Besuchervisum, kehrte nach Deutschland zurück, flog bald wieder nach Saly. Senegal ist ein demokratisches Land, die Amtssprache ist französisch, als Französischlehrerin fiel es Ute Moritz leicht, den Menschen nahe zu kommen. So erfuhr sie auch, was für den Gärtner Thierno Glück bedeutet: Die Rinderzucht.

Sie schenkte ihm einen Bullen und eine Kuh, die heißen nun Ute und Thomas und leben bei Thierno, ein paar Kilometer landeinwärts von der Küstenstadt Saly entfernt, im staubtrockenen Malicounda. Die Dorfgemeinschaft zeigte sich dankbar und schenkte Ute Moritz ihrerseits ein Stück Land in der Brousse.

Ein Stück Land in Senegal

Brousse bedeutet soviel wie Busch, nur ist die Bezeichnung „Busch“ in der Sahelzone meist irreführend, zumindest während der Trockenzeit. Dann ist dort alles karg, nur große Bäume überleben dank tiefer Wurzeln, ansonsten ist die Brousse sozusagen ein Busch ohne Busch. Was, bitte, soll eine Lehrerin aus Deutschland mit so einem Stück Land anfangen?

Vom Erbe Schule gebaut

Ute Moritz beschloss, vom Erbe ihres Mannes darauf eine Schule zu bauen, überwand alle Hürden, die eine weiße deutsche Frau im Senegal überwinden muss, hatte in Omar Traore von Anfang an einen Partner, der nicht nur beim Bau half, sondern auch ungeschriebene Gesetze erklärte und senegalesische Türen öffnete. Im Oktober 2018 wurde diese Schule eröffnet, die nach europäischen Maßstäben eher eine Vorschule ist. Derzeit lernen 60 Kinder im Alter von drei bis sechs Jahren in der „Case de Keur Thomas“. Ute Moritz sagt: „Diese Arbeit mit den Kindern gibt mir so viel, vor allem die Kraft, mit der Trauer weiterzuleben.“

Kinder lernen zählen

Von dieser Trauer spüren die Kinder nichts. Sie erleben eine Madame Ute, die ihnen zeigt, wie sie Memory spielen, Deckel zählen, Seil springen oder Dreiecke malen können. Sie erkärt, wie sie Zähne putzen und die Zahnbürste anschließend nicht mit ihren 15 Geschwistern und Halbgeschwistern teilen. So viele Kinder können zu einer Familie gehören, weil es Männern erlaubt ist, vier Frauen zu haben.

Bei all dem erlernen die Kinder die französische Sprache, die in ihren Familien und Dörfern oft gar nicht bekannt ist, aber als offizielle Sprache des Senegal natürlich auch in der Schule gesprochen wird. Ute Moritz weiß: Kinder, die französisch weder verstehen noch sprechen, gehen schnell verloren auf dem Bildungsweg, verlassen die Schule mitunter weit vor der Zeit.

Nächstes Projekt ist ein Brunnen

Ute Moritz steuert dagegen, bereitet 60 Kinder der Brousse auf den Schulstart vor. Die Eltern bringen ihre Kinder am Morgen, legen dafür kilometerlange Fußmärsche zurück, holen die Kleinen um 14 Uhr wieder ab. Inzwischen nehmen viele Frauen sogar die Kinder der Nebenfrauen mit, denn sie alle eint neben der Schule neuerdings ein weiteres großes Projekt: Ein gemeinsamer Brunnen.

Ute Moritz hat Geld gesammelt, weil sie es wichtig findet, dass die Frauen auch außerhalb der Regenzeit Hirse oder Maniok für ihre Familien anbauen können. Dieser Brunnen wird von der Dorfbevölkerung errichtet, vor allem mit der Hilfe der Frauen.

Aus Deutschland kommt viel Unterstützung für die Schule und das Wasserprojekt. Jedes Kind hat einen Paten, eine Patin, für 50 Euro geht ein Kind ein Jahr zur Schule, lernt, bekommt Milch und Essen.

Gutenberg-Schulkinder laufen fürs Wasserproje

Neben Privatpersonen engagieren sich auch Schulen für das Leben in der „Case de Keur Thomas“. Die Wolmirstedter Gutenberg-Grundschule hatte schon öfter gespendet und so war es selbstverständlich, dass auch vom jüngsten Spendenlauf gut ein Zehntel des Erlöses den Kindern im Senegal zukommen wird. Schulleiterin Doreen Haensch überreichte Ute Moritz 500 Euro für das Brunnenprojekt.

Aus Barleben kamen 900 Euro. Das Geld haben alle Barleber Kindereinrichtungen zusammen beim Martinsfest eingenommen. Anke Strehlow, Leiterin der internationalen Grundschule „Pierre Trudeau“, überreichte das Geld und schmiedete zusammen mit Ute Moritz weiterführende Pläne.

Gerhard-Schöne-Lied eint Barleben und Senegal

Jede Schulleiterin möchte mit den Kindern ihrer Schule das Lied „Die kleine Quelle“ von Gerhard Schöne mit Leben füllen, sei es als Musical, Theaterstück oder ganz anders. Die Ergebnisse können sich die Kinder eines Tages vielleicht via Skype zeigen. „Das Lied passt so schön“, konstatiert Ute Moritz. Gerhard Schöne singt: „Du sollst ja nicht die Wüste wässern, nicht gleich die ganze Welt verbessern, nur die eine Blume hüten, darin liegt dein Sinn.“