Wolmirstedt l Gunnar Steinert schaut einem dicken Baumstamm direkt ins Gesicht und grinst: „Das ist eine Schnecke.“ Tatsächlich sind die Astknubbel bei diesem kindshohen Klotz angeordnet wie ein Schneckengesicht, mit keck abstehenden Fühlern. Noch mündet der Schneckenkopf in einen unförmigen Quader, die Form ist weit entfernt von einer hübsch gedrehten Weichtierbehausung. „Das wird schon“, sagt Gunnar Steinert bedächtig, „die Natur hat alles vorgeformt. Man muss es nur vollenden.“

Und wirklich, mit dem Blick des Holzkünstlers betrachtet, schält sich vor dem geistigen Auge eine Spirale aus dem Stück Baum und es ist leicht vorstellbar, wie Gunnar Steinert eines Tages die Säge ansetzt und aus diesem rohen Stück Stamm ein wunderschönes Schneckenhaus formt.

Form liegt im Holz verborgen

Die künftige Schnecke gehörte einst zum Stamm einer Kastanie, so dick, dass es gut zwei Männer braucht, um ihn zu umarmen. „Als die Kastanie gefällt und zersägt wurde, haben wir gefragt, ob wir den Block mit dem Schneckengesicht haben können“ , erzählt Gunnar Steinert. Wir, das sind er und seine Frau Joanna, die - wie die zwei Töchter - ein großer Fan seiner Holzkunst ist. Die Steinerts haben den Holzklotz auf einen Autoanhänger gewuchtet und nach Hause gebracht, zu den anderen Rohlingen geschleppt, die im Garten darauf warten, eine Form zu bekommen.

Bilder

Meistens arbeitet Gunnar Steinert mit Kiefern, die lassen sich recht geschmeidig bearbeiten, gern aber auch mit verschlungenen Ästen oder bizarren Baumwurzeln.

Organische Formen bevorzugt

Seine Werke sind nicht geradlinig, er bevorzugt fließende Formen, die sich organisch aus dem Naturmaterial ergeben. „Man darf sich nirgends dran stoßen.“

Aufgewachsen ist der 46-Jährige in der Altmark, in Sandfurth, da wucherte die Natur quasi bis ans Haus. Er hat schon immer genau hingeschaut, Hand angelegt. „Ich hatte schon immer ein großes Interesse daran, Dinge selbst herzustellen.“ Folgerichtig wurde aus dem Interesse für Formen und Farben ein Beruf, Raumausstatter. Später restaurierte er Türen, die Arbeit mit Holz drängte immer mehr in den Alltag. Dann schwenkte Gunnar Steinert trotzdem noch einmal um, ist inzwischen Gruppenleiter einer Werkstatt im Bodelschwingh-Haus. Dem Holz widmet er sich derzeit ausschließlich in der Freizeit.

Gerade gestaltet er einen Pilz. Die Säge schreit, das Sägeblatt fräst sich in die hölzerne Pilzkappe, Späne stieben in alle Richtungen, ein paar verfangen sich im markanten Bart, und auf dem Pilzhut reiht sich bald eine Schuppe neben die andere. So, wie bei einem Schirmling.

Ausstellung im Mai

„Das meiste Holz finde ich in der Natur, ich bin viel mit dem Hund unterwegs.“ Außerdem wissen viele Freunde von seiner Leidenschaft und rufen an, sobald ein Baumriese fallen soll: „Willste mal gucken?“

Im Mai wird Gunnar Steinert ein paar seiner Werke in der „Villa Kunsterbunt“ zeigen, einem leerstehenden Laden, der Hobbykünstlern der Region eine Bühne bietet. Sollte die Riesenschnecke bis dahin fertig sein, wird sie wegen ihres Übergewichts wohl im Garten verweilen müssen, dafür können die Besucher vor allem Lampen bewundern. Auch die fertigt Gunnar Steinert aus Holz, reibt es nach der Bearbeitung mit Bienenwachs ein oder lasiert es. Beides betont die Maserung, ein Gestaltungselement, das die Natur gratis mitliefert.

Verbindung unterschiedlicher Stoffe

„Schwierig ist es, in den Lampen die Kabel zu verstecken“, gesteht er. Also bohrt er lange Löcher an unauffälligen Stellen in die Holzkörper hinein, baut die Bohrer dafür selbst, oder verbirgt die Kabel in einem Seil, das er aufdreht und um das Kabel herum wieder zusammenfügt.

Seine Tricks verrät er gern, und vielleicht hat er bis zur Vernissage schon eine neue Technik verfeinert. „Mich interessiert es gerade sehr, zwei Stoffe miteinander zu verbinden: Holz und Papier.“ Oder mit Kunstharz zu arbeiten. Aber das alles probiert erst, wenn die Schnecke ein Haus hat.