Groß Ammensleben l Das filmische Zeitdokument, einst aufgenommen mit einer Schmalfilmkamera AK 8, hat Platz auf einer DVD gefunden. Jeweils eine davon hat Wilfried Lübeck den Pfarrern überreicht. „Das Material habe ich in meinem Briefkasten gefunden“, erzählt der Groß Ammensleber. „Dabei war ein Anschreiben, bei dem leider der Name des Absenders unleserlich geschrieben ist. Eine Adresse fehlt mir komplett.“

Der weithin bekannte Historiker ist für die unverhoffte anonyme Gabe dennoch sehr dankbar. „Ein Bekannter hat das Material auf DVD vervielfältigt“, sagt Lübeck. „So konnte ich es jetzt entsprechend weitergeben.“ Er sei dafür, zu passender Zeit eine gemeinsame Runde der Kulturhistorischen Gesellschaft und den Kirchengemeinden einzuberufen, bei der der Film gezeigt werden könne. „Die sensationellen Aufnahmen wurden schon auf CD vervielfältigt und sind wohl den seinerzeit Beteiligten zugegangen“, sagt Lübeck. „So geht es aus dem Anschreiben hervor.“

Das Jubiläum „700 Jahre Glocke Scholastica der Kirche Groß Ammensleben“ im vergangenen Jahr hatte auch die Erinnerungen an den Sturz des Kirchturms wachgerufen. Mit Spitzenböen von 160 km/h im Flachland und 245 km/h auf dem Brocken raste der Orkan mit dem Namen der in diesem Fall gar nicht so heiligen „Quimburga“ durch West- und Mitteleuropa und hinterließ eine Schneise der Verwüstung. Als einer der schlimmster Orkane des 20. Jahrhunderts mit der Wucht eines Hurrikan der Kategorie zwei verursachte er schwerste Schäden und europaweit waren mindestens 73 Tote zu beklagen.

Bilder

Der 13. November des Jahres 1972 war ein Montag. Die Einwohner gingen auch in Groß Ammensleben ihren alltäglichen Verrichtungen nach und die Kinder waren in der Schule auf der Domäne neben der Kirche.

Von verschiedenen Augenzeugen wurde allerdings von einem beängstigenden Schwanken des Turmes schon in den Vormittagsstunden berichtet. Es war kurz vor 12 Uhr, als mit einem riesigen Getöse plötzlich die 30 Meter hohe Spitzhaube vom Kirchturm stürzte und eine mächtige Staubwolke aufwirbelte. Der Orkan hatte den Turmhelm aus der Verankerung gerissen. Die Kraft des Windes führte zum Reißen der offensichtlich angerosteten Verankerung an der Westseite des Turmes. Die gegenüberliegende Verankerung hielt und bestimmte damit den Kippwinkel.

Schwere Schäden

Der Turmhelm durchschlug das Dach der Marienkapelle sowie einen Strebepfeiler und das Dach der Ursulakapelle, wobei das Gewölbe jedoch erhalten blieb. Auch das nördliche Seitenschiff der Kirche war stark mitgenommen. Nicht auszudenken auch die Dramatik, wenn der Kirchturm ein paar Minuten später aufgeprallt wäre, denn die Kipprichtung lag zum benachbarten Schulhof. Die Groß Ammensleber Schule hatte durchschnittlich 300 Schüler, die sich auf dem Schulhof aufgehalten hätten.

An die Ereignisse erinnert sich auch der Historiker Wilfried Lübeck, damals Lehrer für Sport und Geschichte an der Polytechnischen Oberschule in Groß Ammensleben. Er war gerade beim Sportunterricht, der in der Gemeindehalle, dem heutigen „Niemanns Land“ stattfand, als Schüler aufgeregt die Nachricht vom Sturz des Kirchturms mitbrachten. An Unterricht war natürlich nicht mehr zu denken. Als Mitglied der Freiwilligen Feuerwehr holte sich Dr. Lübeck schnell noch seinen Schutzhelm und eilte sogleich zur Unglücksstelle.

Der Schulhof sei mit abgesplitterten Schieferplatten und Kupfernägeln der Spitzhaube übersät gewesen, die beim Sturz wie Geschosse mit heruntergesaust sein mussten. Mit Pfarrer Reinhold betrat Lübeck die Kirche, die zu damaliger Zeit stets geöffnet war. Eine riesige Staubwolke behinderte die Sicht, so dass mit Rufen nach Besuchern oder gar Verletzten gesucht wurde. Es gab jedoch keine Personenschäden. Die Turmhaube hatte über 350 Jahre gehalten, der Schaden wurde auf mindestens 300.000 Mark geschätzt.

Langwieriger Wiederaufbau

Neben den Schäden am Kirchenschiff lag der Glockenstuhl auf dem Turm frei. Viele Groß Ammensleber halfen bei Aufräumarbeiten und ersten Reparaturen. Der Wiederaufbau der Turmhaube setzte sehr verzögert ein und begann 1977 mit finanzieller Unterstützung des Erzbistums Paderborn, zu dem die katholische Kirche damals über die Grenzen hinweg gehörte.

Am 9. September 1979 war es endlich soweit: Die Turmhaube war fertig aufgesetzt. Der alte Wetterhahn und die alte Kugelspitze konnten wiederverwendet werden. Die Eindeckung erfolgte mit Kupferplatten. Nach sieben Jahren Pause war der Turm wieder aufgebaut und die Glocke Scholastica ertönte wieder.

Die Dokumentation zeigt knapp dreißig Minuten Schwarz-Weiß-Film von den Bauarbeiten. Es ist ein Rundblick um die Kirche das Domänen-Ensemble Ende der 1970er Jahre zu sehen, mit dem Lagerplatz auf dem Kirchhof für das Bauholz, Zimmermannsarbeiten in luftiger Höhe und dem Aufsetzen der Richtkrone am 25. Oktober 1979 mittags um 12 Uhr.