Wolmirstedt l Kirstin Albrecht setzt die Klarinette an, wechselt einen Blick mit Klarinettenlehrer Uwe Blamberg, spielt Amazing Graze, eines der bekanntesten Kirchenlieder der Welt. Der Applaus ist ein besonderer, es klatschen Männer und Frauen, die selbst erwachsen sind und Musikschulunterricht nehmen. So wie Kirstin Albrecht.

„Die Zahl der erwachsenen Schüler an der Musikschule steigt rapide an“, freut sich Musikschulleiter Armin Hartwig. Derzeit werden mehr als 70 Männer und Frauen unterrichtet, die älter als 35 Jahre alt sind. „Unsere Lehrer haben sich darauf eingestellt.“

Ein Film gab den Ausschlag

Der Unterricht Erwachsener erfordert eine andere Herangehensweise, im Wesentlichen aus zweierlei Gründen. Ein Grund sind die Hände, die Finger, die bei Kindern beweglicher sind, deren Dehnung trainiert werden kann, um beispielsweise Gitarrensaiten zu greifen oder auf Klaviertasten zu spielen. Bei Erwachsenen ist vieles längst ausgewachsen. Andererseits erkennen Erwachsene Zusammenhänge schneller, sind hochmotiviert, erfüllen sich einen Traum, der lange geschlummert hat.

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So wie Kirstin Albrecht. Sie hatte vor geraumer Zeit den Film „Jenseits der Stille“ gesehen. Der handelt von einer Tochter gehörloser Eltern. Sie wird mit ihrer Klarinette eins, geht in der Musik auf, lebt eine Leidenschaft, die sie mit ihren Eltern nicht teilen kann. „Ich fand den Klang der Klarinette in diesem Film so toll, dass ich selbst spielen wollte.“ Als die Kinder schließlich „aus dem Gröbsten raus waren“, meldete sich Kirstin Albrecht in der Musikschule an.

Hannelore Scheel war einst Schulleiterin, hat schon früher Klavier gespielt, aber immer schon mit der Querflöte geliebäugelt. Längst hat sie eine, übt, spielt, erfreut auch gern Freunde und Verwandte mit der Musik. „Ich bin so glücklich darüber“, schwärmt sie.

Neuer Treff wird gesucht

Dörte Vorreiher war die Älteste in der Runde der erwachsenen Musikschüler, die sich in der Raststätte B189 zum gemeinsamen Abend getroffen haben. Die Dame ist weit über 70 Jahre alt. Sie hatte schon als Kind davon geträumt, Klavier zu spielen, doch nie die Gelegenheit gehabt, weil es ihren Eltern einfach nicht möglich war, den Unterricht zu bezahlen, geschweige denn, ein Klavier zu kaufen. Trotzdem war kein Klavier vor ihr sicher. „Ich habe überall geklimpert.“ Als Rentnerin habe sie sich schließlich ein Herz gefasst, wollte nicht mehr sagen, ich hätte ja so gern... Nun nimmt sie Unterrichtsstunden bei Tanja Litmanowitsch, die zu einem wichtigen Menschen in Dörte Vorreihers Leben geworden ist: „Wenn Frau Litmanowitsch sagt, es ist gut, bin ich glücklich.“

Die Ü35-Treffen sind Schulleiter Armin Hartwig wichtig. „Dabei haben sich schon Leute zusammengefunden, die sich vorher nicht kannten, Menschen, die das gleiche Hobby teilen, dieselbe Bestimmung haben.“ So wie Kerstin Bethge und Jutta Knop. Beide spielen seit Jahren zusammen Querflöte und Cello, die dritte im Bunde ist Janet Eichel, die beim jüngsten Ü35-Treffen nicht dabei sein konnte. Also ergänzte Musikschullehrerin Vera Kagan in das Trio. „Das Ensemblespiel bedeutet mir viel“, sagt Jutta Knop.

Der Abend in der Raststätte B189 war lang, viele Musikschüler hatten Lust, den anderen vorzuspielen. Klar ist, ein nächstes Mal wird es geben. Nicht klar ist, wo das sein wird. Die Raststätte wird ihr Klavier abgeben, nun wird ein anderer Raum gesucht. Der muss ein Klavier bieten und mehr: wenn sich erwachsene Musikschüler nach einer langen Arbeitswoche treffen, wollen sie auch gut essen. Musikschulleiter Armin Hartwig gibt sich optimistisch: „Wir werden das Passende finden.“