Wolmirstedt l Imposant und einsam - so zeigt sich das rote Backsteingebäude am Ohre­ufer, behauptet seinen Platz zwischen dem Bodelschwingh-Haus und dem Schützenplatz. Der Anblick dieses Hauses lässt auf eine Industriegeschichte schließen und tatsächlich gründete Wilhelm Lindekugel darin 1858 eine Lederfabrik.

Die Felle kamen aus der ganzen Welt, wurden in großen Mengen in die Fabrik gehievt, erinnern sich Wilhelm Lindekugels Nachkommen. Auch der Seilzug am linken Gebäudeteil erzählt noch immer von der Bewegung großer Warenladungen. In der Fabrik wurden die Felle enthaart und gegerbt, zu Lederzeug verarbeitet. Unterm Dach befand sich außerdem ein großes Wolllager.

100 Jahre Lederproduktion

Hundert Jahre lief die Lederproduktion, kurz nach der Jubiläumsfeier, im Jahr 1959, stieg die Deutsche Demokratische Republik (DDR) mit ein. Der sozialistische Staat weitete seinen Einfluss weiter aus, 1972 wurde aus der Lederfabrik Lindekugel der Volkseigene Betrieb (VEB) Handschuhlederfabrik. Das brachte die Lederproduktion nicht wirklich weiter, auch die Fusion mit der zweiten Wolmirstedter Lederfabrik „Hermann Mattern“ wirkte nur von kurzer Dauer. Es fehlten schlicht die Rohstoffe, ein Manko, das auch alle anderen sozialistischen Betriebe damals auf ihre Weise spürten.

Die Lederproduktion wurde schließlich eingestellt. Inzwischen erinnerte nur der Gerberbrunnen auf der Schlossdomäne daran, dass dieses Gewerk in Wolmirstedt einst blühte. Der Brunnen wurde zwischenzeitlich von Vandalen gesprengt, wird aber voraussichtlich zur Jahresmitte wieder aufgestellt.

Nach dem Leder kam die Brause. Das Innenleben der Fabrik wurde 1975 für die Lebensmittelproduktion angepasst und im Innern sowie in zwei neuen Hallen alkoholfreie Getränke produziert. In etwa bis zur Wende.

Fabrikräume vermietet

Die DDR ging unter, die Familie Lindekugel bekam ihre Fabrik zurück. Die Zeit der großen Produktionen war vorbei, die Fabrikräume wurden vermietet. Einen großen Andrang erlebte das Haus, als der Unternehmer Werner Metzen darin Anfang der Neunziger Jahre einen Sonderpostenmarkt eröffnete. Der wurde noch im selben Jahrzehnt nach dessen Tod geschlossen, später war dort ein Möbel-An- und Verkauf samt Werkstatt eingemietet. Doch auch den gibt es nicht mehr, die untere Etage nutzen inzwischen Privatleute.

Phantasievolle Zeitgenossen können sich vorstellen, dass dieses Haus aus dem Dornröschenschlaf geweckt wird, Lofts eingerichtet werden. Unübertroffen ist der Blick über die Ohrewiesen. Derlei Pläne verfolgen die Erben des Wilhelm Lindekugel jedoch nicht. Die Zukunft der Gemäuer der einst so stolzen Lederfabrik ist noch nicht festgeschrieben.

Bis ins Detail ist auch das nächste Leben der August-Bebel-Straße 23 nicht geklärt. Die alte Fachwerkscheune, in der einst Pferde lebten, sollte längst abgerissen und durch einen modernen Bau ersetzt worden sein. Eigentümer ist die AWG und nach den alten Plänen sollten am neuen Gebäude Glas und Stein dominieren, Wohnungen und ein Café Platz finden. Doch diese Pläne liegen erst einmal auf Eis.

Lage ist prädestiniert

„Die Entscheidung treffen wir in der Mitte des Jahres“, sagt AWG-Chef Steffen Mairose, „altersgerechtes Wohnen in der Innenstadt ist auf alle Fälle attraktiv, die Lage ist prädestiniert, dort etwas Schönes hinzubauen.“

Das alte Zollhaus in Elbeu gehört Henry Pfalz. Der Bauunternehmer will daraus ein Zweifamilienhaus gestalten. Er kennt Pläne, die dieses Haus um 1400 zeigen, damals floss zu dessen Füßen noch die Elbe. Vermutlich mussten Schiffer damals Zoll zahlen. Bevor jedoch die Bauarbeiter im alten Zollhaus anrücken, lässt Henry Pfalz in einem anderen leeren Haus, der Gartenstraße 3, sechs Wohnungen entstehen.