Westheide l „Viel ist in den letzten Jahren nach der Wende über das Thema ‚Altlasten‘ in den Wäldern der Colbitz-Letzlinger Heide diskutiert worden“, macht Jahn, ehemaliger Bürgermeister der Gemeinde Westheide, deutlich. Besonders ältere Bewohner der umliegenden Dörfer wie Hillersleben, Neuenhofe und Born wussten zu berichten, warum Munition im Wald zu finden sei.

„Mit Beginn des Baus der Schießbahn und der Heeresversuchsstelle in Hillersleben 1936 ist fortlaufend mit scharfer Munition zu Forschungszwecken geschossen worden. Hier gab es Mengen an Munition für Karabiner oder Maschinengewehre, Handgranaten, Panzerfäuste bis hin zu riesigen Geschossen des Eisenbahngeschützes ,Dora‘“, zählt Hartmut Jahn auf. Kaum vorstellbar, dass in dieser Heeresversuchsanlage einst 4700 Menschen beschäftigt waren.

Wehrmacht lässt Waffen und Munition zurück

Als der März 1945 heranrückte, warfen die Engländer noch drei Bomben im März auf das Schießplatzgelände, ohne dabei größeren Schaden zu verursachen. Erster Gedanke der Wehrmacht sei gewesen, dieses Areal noch zu verteidigen. Einige Militäreinheiten lagen im Bereich des Butterwinkels und erwarteten dort den Gegner. „Vermutlich waren von der gewaltigen Übermacht der heranrückenden Amerikaner und der Roten Armee völlig überrascht und warfen daher jegliche Bewaffnung einfach weg oder ließen sie einfach liegen. Danach verschwanden sie aus dem Wald.“

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Zwischen dem 13. und 17. April 1945 trafen zuerst die Amerikaner ein, danach kurz die Engländer und erst am 1. Juli 1945 die Rote Armee. Letztgenannte hat ab diesem Zeitpunkt das gesamte Areal übernommen. Sie erließ den Befehl, dass die umliegenden Dörfer Fahrzeuge und Menschen bereitzustellen hatten, um den Schießplatz sowie dessen Umfeld aufzuräumen. Dennoch seien vor allem im Wald etliche Munition, Granaten sowie auch Panzerfäuste liegen geblieben und demzufolge auch nicht entsorgt worden, erzählt Hartmut Jahn von den Folgen: Am 22. Oktober 1948 kommt es zu einem schweren Unglücksfall. Vier Lehrlinge aus Glüsig besuchen die Eltern eines Kollegen in Neuenhofe. Sie schlendern im Wald herum, finden eine Panzerfaust. Sie hantieren damit herum und es kommt zur Explosion. An den Folgen verstirbt der erst 15-jährige H. Röße. Zwei Jugendliche verletzen sich schwer. Nur der Vierte im Bunde kommt mit dem Schrecken davon.

„Natürlich sind damals auch in den Schulen die Kinder belehrt worden, im Wald nichts anzufassen, was nach Munition aussieht. Ist etwas gefunden worden, sind unverzüglich die Behörden zu informieren gewesen.“

Noch viele Jahre später sei immer wieder Altmunition im Wald gefunden worden. Nicht unerwähnt bleiben soll, dass auch die hier stationierten Soldaten der Gruppe der Sowjetischen Streitkräfte in Deutschland (GSSD) auf dem Schießplatz sehr wohl scharfe Munition verschossen haben. Durchaus vorstellbar also, dass so manches Geschoss irgendwo im Wald gelandet ist, wenn es das eigentliche Ziel verfehlt hat. Selbst viele Jahre später, nach der Freigabe des Jägerstieges 1997, war noch immer Munition in diesem Bereich verborgen. „Wir mussten Verständnis dafür finden, dass gemäß Punkt 2 im ,Heidekompromiss‘ vom 13. Mai 1997 spätestens im Jahr 2006 der Südteil der Colbitz-Letzlinger Heide ins Grundvermögen abgegeben wird“, erinnert sich Hartmut Jahn. Die Fläche werde aus dem Bereich des Truppenübungsplatzes herausgenommen und auf die militärische Nutzung verzichtet, wenn die Oberflächenberäumung von Munition und Munitionsschrott durchgeführt sei, hieß es.

Tiefenberäumung bringt Altmunition ans Licht

Die Überraschung sei groß gewesen, als im Jahr 2009 am Jägerstieg zum 3. Oktober der dortige Festplatz gesperrt werden musste. Grund: Nach dem Begradigen der Oberfläche wurden im Sand zunächst nicht definierbare dunkle Flecke sichtbar. „Gemeinsam mit dem damaligen Kommandanten Oberst Kropf, dem Colbitzer Bürgermeister Heinz Kühnel und einem fachkundigen Vertreter der Bundeswehr habe ich das Gelände begutachtet“, erinnert sich Jahn, zu dieser Zeit Neuenhofer Bürgermeister. Es stellte sich heraus, dass es sich um Munitionsreste handeln könne, deren möglicherweise entweichende Dämpfe giftig und somit gesundheitsschädigend seien.

Es gab nur eine Lösung: Eine Tiefenberäumung wurde angeordnet und auch der umliegende Bereich wurde einzubeziehen. Es stellte sich anschließend heraus, dass sogar Altmunition dort gefunden wurde, die gesprengt werden musste. „Am 3. Oktober 2010 war alles wieder in Ordnung und die Traditionsfeier am Jägerstieg konnte stattfinden. Natürlich haben wir uns damals bei Oberst Kropf und seinen Fachkräften herzlich für konsequentes Handeln bedankt, sonst hätte es irgendwann im Bereich des Festplatzes einen Unfall geben können.“ Nunmehr sind auch Abschnitte auf Altmunition untersucht worden, wo wie am Festplatz nichts vermutet worden ist.

„Wir müssen dem Munitionsbergungsdienst, der unter großen Gefahren jahrelang die Colbitz-Letzlinger Heide und umliegende Bereiche von Altmunition beräumt hat, großen Dank aussprechen“, zollt Hartmut Jahn großen Respekt.