Frau Cassuhn, Sie haben sich im 1. Wahlgang mit fast 58 Prozent der Wählerstimmen gegen ihre drei Mitbewerber durchgesetzt. Welche Reaktionen haben Sie erlebt?

Marlies Cassuhn: Oh, es gab tolle und sehr freundliche Reaktionen. Manche haben mich umarmt, manche ,Daumen hoch‘ gezeigt, viele fanden es bemerkenswert, dass ich im ersten Wahlgang über die 50 Prozent gekommen bin. So viel kann ich in den vergangenen Jahren also nicht falsch gemacht haben.

Sie sind seit 28 Jahren stellvertretende Bürgermeisterin, haben aufgrund der Krankheit des damaligen Bürgermeister Zanders anderthalb Jahre lang komplett die Amtsgeschäfte geführt. Neu ist die Arbeit also nicht. Trotzdem: Jetzt stehen Sie ganz vorn. Was ist jetzt anders?

Vorn stehen fühlt sich gut an. Jetzt liegt in der Verwaltung die letzte Entscheidung bei mir. Selbst Bürgermeisterin zu sein bedeutet, ich kann bestimmte Akzente stärker setzen, sowohl was die Verwaltungsarbeit betrifft, als auch in der Vorbereitung der politischen Entscheidungen. Ich bin mir bewusst, dass ich eine hohe Verantwortung habe.

Was ändert sich für Ihre Mitarbeiter?

Mein Führungsstil setzt sehr auf Teamarbeit, ich halte viel von Kommunikation, nach innen und nach außen.

Wird die Verwaltungsstruktur anders werden?

Es wird keine Fachbereiche mehr geben, denn ich habe schon jetzt mit den Fachdienstleitern die Kompetenz, die ich brauche. Wir werden mit fünf Fachdiensten arbeiten: Finanzen, Personal und Organisation, Immobilienwirtschaft, Ordnung und Sicherheit sowie Jugend, Kultur und Sport. Zwei Fachdienstleiter werden noch benötigt, die Stellen sind vorhanden.

Zur Stadtverwaltung gehören auch die sogenannten nachgeordneten Einrichtungen wie Schwimmbad oder Bibliothek. Wie stehen Sie zu deren Zukunft?

Die Stellen der Bibliothekarinnen, Schwimmmeister und Schulsekretärinnen bleiben erhalten.

Das große Bürgermeisterzimmer wirkt noch ziemlich leer. Sie sind offensichtlich noch nicht eingezogen. Warum nicht?

Bisher war noch keine Zeit. Außerdem ist vorgesehen, dass ich erst am 15. November offiziell als Bürgermeisterin vereidigt werde. Dennoch, am 25. Oktober werde ich ins Bürgermeisterbüro einziehen. Dann wird es hier sicher viele Blumen und Sprüche geben.

Dann haben Sie auch eine Büroleiterin...

Ja, das ist für mich ganz neu, dass da jemand ist, der auch meinen Kalender führt und vielfältige andere Aufgaben erledigt. Aber Frau Pazdyka und ich, wir arbeiten eigentlich schon sehr lange zusammen, deshalb freue ich mich auf die Zusammenarbeit.

Wie wollen Sie die Vereine und Interessengruppen in Entscheidungsprozesse einbeziehen?

Ich stehe dafür, dass wir alle freiwilligen Leistungen erhalten, aber ich setze auch auf die Eigenverantwortung und Initiative der Bürger. Die Vereine müssen selber aktiv bleiben. Besonders behalte ich das Bürgerhaus im Blick. Es gehört der Stadt und soll zentraler Anlaufpunkt für die Kultur bleiben.

Wie sehen Sie Ihre Rolle als Bürgermeisterin in den Entwicklungsprozessen der Stadt?

Ich sehe die Arbeit einer Bürgermeisterin vor allem in der strategischen Entwicklung. Ich möchte Impulse geben, gestalten, Projekte erarbeiten und zum Laufen bringen. Das bedeutet auch, dass ich langfristig agiere, nicht allein auf das Tagesgeschäft reagiere. Mein Ziel ist es, dass Bürger gerne hier leben.

Wolmirstedt ist eine Kleinstadt und als solche in die kommunale Familie des Landkreises, Landes und der Republik eingebettet. Wird gut für Wolmirstedt gesorgt?

Wir sind sehr von äußeren Einflüssen abhängig, beispielsweise soll die Kreisumlage steigen. Das können wir angesichts der sprudelnden Steuereinnahmen in Bund und Land nicht wirklich nachvollziehen. Und wir können angesichts der vollen Bundes- und Landeskassen den Bürgern auch nicht vermitteln, warum wir ihnen in die Tasche fassen müssen und unser Geld nicht ausreicht, um unsere Aufgaben in guter Qualität erledigen zu können. Da kommt viel Arbeit auf uns zu.

Wie werden Sie die Wirtschaft unterstützen? Behalten Sie den vom Vorgänger Martin Stichnoth eingeführten Wirtschaftsstammtisch bei?

Gut laufende Aktivitäten wie den Wirtschaftsstammtisch werden wir nicht aufgeben. Und natürlich freue ich mich über jedes Unternehmen, das hier angesiedelt ist und sich nachhaltig ansiedeln möchte. Vor allem brauchen wir nach wie vor das Handwerk. Als Behörde werden wir auf jeden Fall für Unternehmen verlässlich und ansprechbar sein und kooperieren, im Grunde das, was wir jedem Bürger bieten möchten.

Das Thema Jahnhalle liegt nun auf Ihrem Tisch. Der Heimfall sollte in der Septemberberatungsfolge auf der Stadtratstagesordnung stehen. Das war nicht passiert. Wie ist der Stand der Dinge?

Wir führen derzeit intensiv Gespräche. Am 18. Oktober wird es eine interne Informationsveranstaltung für den Stadtrat geben, bei der auch unser Rechtsanwalt Professor Ulf Gundlach anwesend sein wird. Wir werden erklären und beraten, was passiert, wenn die Halle an die Stadt zurückfällt. Am 1. November sollen dann in einem außerordentlichen Stadtrat die erforderlichen Beschlüsse gefasst werden. Dabei behalten wir im Blick, dass die Angebote in der Halle von der Bevölkerung gut angenommen werden.

Wie stellen Sie sich die Zusammenarbeit mit den Ortschaften vor?

Am 6. November gibt es ein Anlaufgespräch mit den Ortsbürgermeistern. Dabei werden wir besprechen, in welchem Turnus wir uns künftig treffen wollen.

In Ihrem Büro sollen Sprüche hängen. Welches sind Ihre aktuellen Lieblingssprüche?

Hinfallen ist keine Schande, liegenbleiben schon. Und: Menschen so zu behandeln, wie wir selbst behandelt werden möchten.