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Wie die KPD in der Börde die Besetzung von Landratsämtern und Bürgermeisterposten beeinflusste

Von Sebastian Pötzsch

Groß Ammensleben

Im ersten Teil der Volksstimme-Serie zur Gründung der SED vom 6. April berichtete Wilfried Lübeck über die Absetzung des sozialdemokratischen Bürgermeisters von Wolmirstedt, Karl Duldhard. Er war aufgrund des Drucks der Kommunistischen Partei (KPD) von der Sowjetischen Militäradministration in Deutschland (SMAD) abgesetzt und durch den Kommunisten Bodo Löwenthal ersetzt worden.

LDP-Bürgermeister wird durch KPD-Mitglied ersetzt

„Eine ähnliche Situation spielte sich in Haldensleben ab, die auch etwas unerklärlich ist“, fährt der Historiker aus Groß Ammensleben mit seiner Abhandlung fort. So sei Otto Boye am 5. Mai 1945 von den Amerikanern als Bürgermeister eingesetzt worden. Bereits von 1905 bis 1934 hatte Boye als Rathauschef die Geschicke seiner Geburtsstadt gelenkt und „entwickelte sie zu einer der erfolgreichsten Städte Deutschlands.“ Während seiner Amtszeit erwarb Haldensleben den Ruf einer Schulstadt. Unter anderem wurde die Mädchenvolkshochschule fertiggestellt. Zudem veranlasste Boye den Neubau des Lehrerseminars, welches heute das Gymnasium beherbergt. Ferner wurde im Jahr 1908 die Höhere Lehranstalt für Landwirte eröffnet.

Während dieser Zeit sei Otto Boye in die Deutsche Demokratische Partei (DDP) eingetreten, der er bis 1930 angehörte. Nach dem Krieg, er war mittlerweile Bürgermeister und Landrat, trat er der Liberal-Demokratischen Partei Deutschlands (LDP) bei. „Er war damit der einzige von 19 Landräten im Regierungsbezirk Magdeburg mit dieser Parteizugehörigkeit“, sagt Wilfried Lübeck. Zwei Amtskollegen aus Calbe und Salzwedel waren parteilos, ein weiterer gehörte der SPD an, acht Landräte waren Mitglied der KPD.

Nur kurze Zeit nach der Übernahme seiner Ämter habe Boye diese aus Alters- und Gesundheitsgründen niedergelegt. „Allerdings übernahm er anschließend beim Rat der Stadt eine Dezernentenstelle für Wohnungswesen“, berichtet der Groß Ammensleber weiter. „Warum dieser Posten“, fragt Lübeck. Auch hier könnten KPD-Funktionäre ihre Finger im Spiel gehabt haben.

27 kommunistische Bürgermeister im Kreis Wolmirstedt

Denn seine Recherchen in den städtischen Archiven in Magdeburg und Haldensleben, im Landeshauptarchiv Magdeburg sowie bei der Gesellschaft zur Aufarbeitung der SED-Diktatur in Berlin förderte weitere Details zum Einfluss kommunistischer Genossen auf die Kommunal- und Lokalpolitik zutage. So hätten diese auch auf Ortsebene die Besetzung von Bürgermeistern mitbestimmt. So habe es im Kreis Wolmirstedt am 1. Dezember 1945 insgesamt 56 Amtschefs gegeben. 27 Bürgermeister gehörten der KPD an, 23 der SPD und 5 seien parteilos gewesen. „Eine Frau leitete ein Rathaus, und zwar jenes in Klein Ammensleben. Sie war Mitglied der LDP“, berichtet der Historiker.

Außerdem ist Wilfried Lübeck auf ein Schriftstück gestoßen. So schrieb die Unterbezirksleitung der KPD Magdeburg am 1. Dezember 1945 an den Kreiskommandanten: „Wir sind so verfahren, wenn wir beabsichtigen, einen Bürgermeister zu entfernen, haben wir uns stets an den entsprechenden Landrat und den Militärkommandanten gewand. Bisher ist uns das immer gelungen.“

„Sechs Wochen später hatte die KPD im Kreis Wolmirstedt vier Bürgermeister mehr“, sagt Lübeck. Das stand im Widerspruch zu den Mitgliederzahlen der Parteien. Denn laut dem Wissenschaftler zählte die SPD in der damaligen Provinz Sachsen 88.000 Mitglieder, die KPD jedoch nur 8300. Der KPD-Vorsitzende Wilhelm Pieck war seinerzeit jedoch überzeugt, seine Partei werde sich „zu einer wahrhaft großen Volkspartei“ entwickeln.

Allerdings sei in der KPD zum damaligen Zeitpunkt noch nicht über eine Vereinigung mit der SPD nachgedacht worden, „während man im SPD-Zentralausschuss bereits über eine organisatorische Einheit der deutschen Arbeiterklasse diskutierte - als Lehre aus dem Bruderkrieg der Weimarer Republik“, sagt der Groß Ammensleber Historiker. Allerdings hätten die Sozialdemokraten in dieser organisatorischen Einheit keine Vereinigung mit der KPD gesehen. „Diese Partei strotzte nur so von Kraft.“ Ende Oktober 1945 zählte die SPD 300.000 Mitglieder, zwei Monate später seien es bereits 407.000 Angehörige gewesen.

Tanzveranstaltung in Olvenstedt

„Die Wahlen in Ungarn und Österreich waren für die Kommunisten dagegen ein Debakel“, führt Wilfried Lübeck weiter aus. „Mit 16,7 und 3,5 Prozent lösten die Ergebnisse in Moskau und Berlin die Alarmsirenen aus, denn ein Jahr später sollten die Walen ja auch in der sowjetischen Besatzungszone stattfinden.“ So habe die KPD ihre Reserviertheit gegenüber der SPD aufgeben müssen und vorgeschlagen, gemeinsam Feiern zur Oktoberrevolution in Russland und zur Novemberrevolution in Deutschland zu organisieren. Der Zentralausschuss der Sozialdemokraten habe dieses Angebot den Ortsverbänden überlassen. Eine zentrale Feier lehnte die Partei ab.

„Aus dem damaligen Kreis Wolmirstedt ist eine Feier mit Tanzvergnügen aus Olvenstedt bekannt, dem heutigen Stadtteil von Magdeburg. Im Kreis Heldenleben hat es eine Feier in Weferlingen gegeben, und zwar mit zahlreichen KPD-Genossen aus der englischen Zone“, hat Lübeck während seiner Recherchen weiter herausgefunden.

Zur gleichen Zeit soll sich in Haldensleben eine besonderer politischer Vorfall ereignet haben. Davon handelt Teil 3 in einer der nächsten Volksstimme-Ausgaben.