Wolmirstedt l Die Bibliothek ist geschlossen, auch andere Breiche der Stadtverwaltung sind durch Krankheit der Mitarbeiter gebeutelt. Welche Auswirkungen spüren Bürger?  Nein, Corona ist nicht Schuld. Diesmal nicht. Lange Wartezeiten im Einwohnermeldeamt gab es schon, bevor die Infektionszahlen in stiegen. Das spürten besonders die Bürger, die einen Personalausweis oder Reisepass benötigten. Vier bis sechs Wochen dauerte es oft, bis sie einen Termin bekamen, um ihre Unterlagen einzureichen. Dann folgten die üblichen sechs Wochen, bis der Ausweis geliefert war. Schnell konnte über ein viertel Jahr ins Land gehen, bis ein neuer Ausweis die Identität klarstellte. Geht die Bearbeitung in diesem Tempo weiter?

Hoffnung auf Entspannung der Lage

Bürgermeisterin Marlies Cassuhn hofft, dass sich die Lage entspannt. Die schleppende Bearbeitung erfolgte krankheitsbedingt. Voraussichtlich werden beide Mitarbeiterinnen Montag wieder vor Ort sein.

Doch wie kann es sein, dass die Verwaltung monatelang so lahmgelegt werden kann? „Es gibt keine generelle Vertretung, keine zweite Reihe in den Fachdiensten“, sagt Bürgermeisterin Marlies Cassuhn. Lediglich für die gewöhnlichen Verhinderungsfälle wie kurze Krankheiten oder Urlaub gibt es jemanden, der einspringt und das Nötigste bearbeitet. Doch fallen die Mitarbeiter länger aus, bleibt viel Arbeit liegen.

Datensicherheit geht vor

Speziell im Einwohnermeldeamt lässt sich kurzfristig kaum Ersatz finden. Das hat mit der besonderen Qualifikation der Mitarbeiter und der Datensicherheit zu tun. Lediglich geschultes Personal kennt die Regularien und weiß, wie sie eingehalten werden müssen, damit vertrauliche Daten der Bürger vertraulich bleiben.Ausweise beispielsweise werden längst nicht mehr vor Ort mit einem Passbild beklebt und abgestempelt, sondern die Daten werden digital an die Bundesdruckerei versandt. Diese Datenautobahnen müssen absolut dicht und sicher sein.

Apropos Passbilder: Da spielt Corona doch eine Rolle, der Lockdown macht vor Fotostudios nicht Halt. Professionelle Familienfotos, Babyfotos, Hochzeitsfotos sind derzeit tabu. Aber was, wenn jemand einen Ausweis benötigt, ein Passbild für das Bewerbungsschreiben? „Das wiederum ist systemrelevant“, sagt Wolmirstedts Fotografin Michaela Nestler. Bürger können telefonisch einen Termin vereinbaren. Passfotos entstehen dann unter Einhaltung der Abstands- und Hygieneregeln.

Momentan nur Notlösung im Standesamt

Doch gibt es derzeit Hochzeiten? Auch das Standesamt fährt personell derzeit krankheitsbedingt auf Sicht. Es gab bereits Amtshilfe aus der Verwaltungsgemeinschaft Elbe-Heide, inzwischen kümmert sich die hauseigene Vertretung darum, dass Hochzeiten stattfinden, Sterbeurkunden ausgestellt werden. Doch das ist nur eine Notlösung.

Langfristig wird sowohl für das Einwohnermeldeamt, als auch für das Standesamt eine Kollegin qualifiziert. Das wird wohl das Jahr in Anspruch nehmen, denn sie muss unter anderem mehrere Monate in einem anderen Standesamt Berufserfahrung sammeln. Eine schnelle Entspannung fürs Wolmirstedter Rathaus ist dafür also nicht in Sicht.

Ordnungsamt ist unterbesetzt

Im Ordnungsamt fehlen ebenfalls Mitarbeiter. Unter anderem arbeiten die Politessen mit halber Kraft. Nur eine ist in der Stadt unterwegs, um Falschparker oder anderes Ungemach aufzuspüren. Trotzdem versuchen die Mitarbeiter, den Betrieb aufrecht zu erhalten. Die Reparatur kaputter Straßenbeleuchtung wird beispielsweise veranlasst, ebenso natürlich notwendige Straßensperrungen.

Beim Erkennen kaputter Straßenlampen sind die Ordnungsamtsmitarbeiter ohnehin auf Hinweise der Bürger angewiesen, bei Straßensperrungen arbeiten sie mit dem Straßenverkehrsamt des Landkreises zusammen. Doch das ist nur ein kleiner Teil der Ordnungsamtarbeit.

Zunehmend müssen Ordungsamtmitarbeiter Zeit aufwenden, um Angehörige von Verstorbenen ausfindig zu machen. Es ist längst keine Seltenheit mehr, dass ein Mensch stirbt und keine Erben bekannt sind. Damit ist nicht klar, wer die Bestattungskosten übernimmt. Zehn Tage bleiben Ordnungsamtsmitarbeitern, um jemanden zu finden, der mit dem Verstorbenen verwandt ist. Wird innerhalb dieser Frist keiner gefunden, wird der Tote eingeäschert. Die Urne kann vier Wochen gelagert werden. Ist dann noch niemand aufgespürt, wird sie von Friedhofsmitarbeitern anonym auf der grünen Wiese beigesetzt.

Hinterbliebene, die auf Rechnungen warten, müssen sich derzeit allerdings gedulden, denn auch im zuständigen Friedhofs-Fachdienst klafft schon lange ein krankheitsbedingtes Loch. Dort arbeitet sich gerade eine Vertretung ein.

Bibliothek bis Monatsende zu

Die Bibliothek gehört ebenfalls zur Stadtverwaltung und ist geschlossen. Ein Zettel an der Tür verkündet, dass es bis zum 29. Januar keine Ausleihe gibt. Eine Mitarbeiterin hatte zum Jahresende gekündigt, die zweite ist krank. Wie es perspektivisch weitergeht? Bürgermeisterin Marlies Cassuhn sagt: „Daran müssen wir arbeiten.“ Zunächst heißt es für die Bürger: Die Leihfristen der ausgeliehenen Bücher verlängern sich automatisch.

Doch wären die krankheitsbedingten Ausfälle nicht genug, grätscht auch noch Corona in den Arbeitsablauf des Rathauses hinein. Wegen der Kontaktbeschränkungen und Abstandsregeln hat die Bürgermeisterin über die Feiertage bis zum Ende dieser Woche eine Art Betriebsferien verordnet. Wobei das Wort „Betriebsferien“ täuscht.

Ein Viertel der Zeit nehmen die Mitarbeiter Urlaub oder bauen Überstunden ab, die anderen drei Viertel sind sie angehalten, ihre Arbeit zu Hause eigenverantwortlich zu organisieren und zu erledigen. Auf den Schreibtischen soll sich nichts auftürmen, beziehungsweise im Laufe des Jahres entstandene „Türme“ können abgearbeitet werden. Durch die Kombination aus Urlaub, Überstundenabbau und mobiler Arbeit ist es möglich, den Mitarbeitern das volle Gehalt zu zahlen.

Abgesehen von dieser Regelung arbeiten die Mitarbeiter des Wirtschaftshofes, haben unter anderem am Neujahrsmorgen die Stadt gesäubert, Gewerbekontrollen erfolgen weiterhin, das Standesamt stellt weiterhin Urkunden aus, die Notbetreuung in den Horten wird gesichert. Auch die Bürgermeisterin ist regelmäßig im Rathaus anwesend.