Zerbst l „Als ich heute den Waldfrieden besuchte, war ich sprachlos, entsetzt und unendlich traurig“, schreibt Thomas Gäbe aus Zerbst an die Volksstimme. „Die rechte Seite, betrachtet aus der Friedensallee, ist nun vollkommen zerstört. Es wurden wieder viele gesunde und große Bäume gefällt! Man findet große Freiflächen ohne Baumbestand. Es fällt schwer zu glauben, dass es sich hier um Waldpflege handelt. Ich bin kein Waldkenner, dennoch bin ich mir sicher, dass hier ‚Raubbau‘ stattfindet und nur wirtschaftliche Interessen im Vordergrund stehen“, wirft er der Stadt vor.

Tatsächlich fanden in den beiden vergangenen Wochen Rodungsarbeiten in dem Waldstück statt. Revierförster Dietmar Schleth erklärt: „Die Bäume werden in jedem Jahr geschlagen.“ Das geschehe in Abstimmung mit Bürgermeister Andreas Dittmann (SPD). Rund 100 bis 150 Festmeter werden dann in dem Waldstück geschlagen. „Wir haben in dieser Größenordnung Verkehrssicherungen vorzunehmen. Erst im September lag ein dicker Ast direkt auf dem Weg. Der fiel direkt aus der Krone raus“, sagt er und formt mit den Händen den Durchmesser des Holzstücks in der Größe eines Handballs. „Jetzt wähle ich die Bäume aus, die in der Krone trocken werden. Die Bäume sind längst überaltert. Wenn das ein normaler Wirtschaftswald wäre, würden wir das innerhalb von zwei, drei Jahren alles abgetrieben haben“, so der Revierförster.

Zwar sei der Waldfrieden per Stadtratsbeschluss auch ein Wirtschaftswald, da er aber auch eine Erholungsfunktion für die Zerbster Bürger habe, werden die Bäume nicht in dem Maße gerodet, wie es eigentlich üblich sei.

Bilder

„Wir nehmen die Bäume, die in absehbarer Zeit absterben. Wir können natürlich nicht reingucken, das ist richtig.“ Dennoch finden die Holzarbeiter bei den Bäumen immer wieder Anzeichen des Absterbens.

„Der hier hat ein Loch mitten im Zentrum, da kann man schon mit dem Finger reinfassen“, sagt auch Forstwirt Eckhard Held, der gestern die letzten drei Bäume fällt. „Die Buchen kommen irgendwann in das Alter. Es ist schade drum, aber sie müssen dann weg“, fügt er an.

Holz für Zerbster Bürger

Nicht alle Zerbster ärgert die Entnahme. Rund ein Dutzend Männer steht mit am Waldeingang am Spielplatz und beobachtet das Treiben. „Das Holz ist auch in Abstimmung mit dem Bürgermeister nur für die Zerbster Bürger vorgesehen“, sagt Schleth. Durch den Bombenangriff 1945 sind in den meisten Bäumen Splitter eingewachsen. Vor einiger Zeit habe man diese noch nach China als Stammholz verkaufen können. „Aber das geht jetzt nicht mehr. Der Markt ist zusammengebrochen“, so Schleth. Durch die Splitter wolle niemand in Deutschland die Bäume haben. Deswegen können Zerbster das Holz als Brennholz erstehen. Die Einnahmen, so Schleth, reichen dabei nicht einmal dafür aus, um die Kosten wieder einzuspielen. Durch die Fällungen werde das kleine Waldstück, es hat rund 50 Hektar Größe, verjüngt. „Hier kommen überall neue Buchen hoch“, sagt der Revierförster. Deswegen müssen auch keine Ersatzpflanzungen vorgenommen werden, erklärt der Fachmann.

Ausgenommen von den Fällungen seien Spechtbäume, betont der Förster. „Diejenigen, die Spechte beherbergen, werden markiert und nicht gefällt“, berichtet er. „In der Folge kommen Waldkauze und Eulen, auch Fledermäuse siedeln sich an.“ Deswegen bleiben diese Bäume immer stehen.

Schon im April des vergangenen Jahres wurden Bäume in dem Waldstück gefällt. Damals hatte Sturm Niklas starken Schaden an den Bäumen angerichtet. Rund 40 alte Bäume waren von dem Sturm gefällt worden. Daraufhin hatte der Wald gesperrt werden müssen, da Äste in den Kronen hingen, die jederzeit hätten herabstürzen können. Gefahr ging auch durch gefallene Bäume aus, deren Äste unter großer Spannung standen.

Die meisten Bäume waren abgängig, teilweise waren sie mehr als 300 Jahre alt. Dabei werden Buchen normalerweise durchschnittlich 150 und selten 200 Jahre alt.