Zerbst l Die dreiflügelige Residenz der Anhalt-Zerbster Fürsten verfügte über 205 Räume. „Allerdings gibt es nur von einem Bruchteil Fotografien“, läutet Dirk Herrmann seinen Vortrag im Faschsaal der Stadthalle ein. Nur 42 Räume seien bildlich dokumentiert, wendet sich der Vorsitzende des Schlossvereins an die vielen Zuhörer. 92 Interessenten haben sich eingefunden, um mit ihm einen visuellen Rundgang durch den 1945 zerstörten Barockbau zu unternehmen, um anschaulich zu erfahren, wie es einst im Inneren der imposanten Anlage aussah.

Dirk Herrmann beginnt seine musikalisch untermalte Reise im mittleren Haupttrakt, dem so genannten Corps de logis, der zwischen 1681 und 1696 errichtet wurde. Das Appartement von Hedwig Friederike beispielsweise umfasste nicht weniger als 13 Räume, die sich auf 456 Quadratmeter verteilten. Dort gab es unter anderem ein Spiegelkabinett. „Diese waren im 18. Jahrhundert sehr beliebt“, berichtet der Schlosskenner von der sehr teuren, aufwendigen und auch gefährlichen Herstellung der Spiegel. Viel Aufwand hatte er selbst betrieben, um das existierende Foto mittels Computer so zu bearbeiten, dass sein Publikum nun eine Vorstellung von der ursprünglichen Ausgestaltung erhalten konnte. Nach und nach schwebt feinstes Porzellan ins Bild hinein, während plötzlich mehrere Porträts die Wände zieren.

Nicht weniger eindrucksvoll präsentierte sich der große Festsaal im Mittelrisalit mit einer Fläche von stolzen 237 Quadratmetern und einer über zwei Etagen reichenden Raumhöhe von 9,50 Meter. Etwas kleiner und niedriger war der Gelbe Saal im Keller, der aufgrund seiner hervorragenden Akustik für Konzerte und Theaterstücke genutzt wurde, wie Dirk Herrmann erzählt.

Bilder

Bevor er sich jeweils einem neuen Appartement oder Raum zuwendet, blendet er eine Gesamtaufnahme des Schlosses ein, um ihre Lage zu verdeutlichen. Unterdessen zeigt ein Grundriss die Aufteilung der Gemächer. Die kleinste fürstliche Suite befand sich übrigens im Westflügel. „Relativ bescheiden“ bewohnte Johann Ludwig der Jüngere dort sieben Räume. Als „schönstes Appartement im Schloss“ bezeichnet Dirk Herrmann derweil die Zimmer der Fürstin Johanna Elisabeth, die im Stil des friderizianischen Rokoko eingerichtet waren und aufgrund ihrer Lage im Ostflügel zumindest von der Raumstruktur her die Zeit überdauert haben. Dank des Engagements des Schlossfördervereins können Besucher heute durch das wieder hergerichtete Appartement wandeln – durch das Audienzgemach und das Grüne Kabinett sowie das zweite fürstliche Vorzimmer, das wie das kostbare Zedernkabinett basierend auf historischen Fotografien mit gedruckten Folien täuschend echt visualisiert werden konnte. Nicht fehlen darf ein Abstecher in die Schlosskapelle mit ihren acht Kolossalsäulen, den Emporen und der Kanzel. Vom der früheren Pracht der Zerbster Residenz erzählen darüber hinaus wunderbare Stuckaturen, versilberte und vergoldete Schnitzereien, Seidentapeten und Wandteppiche mit szenischen Motiven.

Nach gut 75 Minuten endet Dirk Herrmann mit seinem Vortrag. Wer nun Lust bekommen hat, das Schloss zu besichtigen, muss sich etwas gedulden. Noch ist Winterpause. Die erste Sonntagsöffnung wird es am 24. April geben.