Zerbst l Mit Elementen an, auf und zwischen den Ruinenmauern von St. Nicolai könnte Wohnen ein ganz neuer Begriff in Zerbst werden – das zeigen die acht Entwürfe der Studenten der Hochschule Koblenz, die sich in ihrer Masterarbeit genau damit auseinander gesetzt haben.

Vor drei Monaten waren sie in Zerbst, um St. Nicolai und die Stadt unter die Lupe zu nehmen. Ihre Aufgabe: Wohnen in der Kirchenruine. Kleinteilige Strukturen schaffen. Wohnungen nicht größer als 70 Quadratmeter, Nutzungseinheiten für Wellness, Gemeinschaftsflächen und Möglichkeiten für Hotelzimmer oder Mietappartments für Wohnen auf Zeit.

Abenteuerliche Anfangsphase

„Eine sehr anspruchsvolle Aufgabe“, sagt Sebastian Birkenheier. Er ist einer der Studenten, der sich an die Aufgabe wagte und für seine Arbeit auch eine Bestnote bekam. Die ersten ein, zwei Monate in der Ideenfindung seien abenteuerlich gewesen. Manchmal stand er kurz davor aufzugeben. „Aber dann beschäftigte ich mich mit den Klosterstrukturen in Zerbst. Und als ich hier die Kleinteiligkeit fand, den Dreh mit den Höfen, von da an lief es“, erinnert er sich.

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In seinem Entwurf erhält St. Nicolai durch unterschiedliche moderne Elemente, die fast verknotet in das Schiff gesetzt werden, drei Höfe, die thematisch getragen werden von der Stadt- und Kirchengeschichte.

Dieses Gesamt-Denken, im Sinne der Stadt, im Sinne der Kirche, haben alle Entwürfe gemein. Dr. Peter Thomè, Professor des Projektes, legte viel Wert darauf, dass die Studenten sich über die Stadtgeschichte und -entwicklung ihrem Entwurf nähern, dass nicht nur wohnen, sondern eine Aktivierung von außen stattfinden kann.

Positive Reaktionen

Die rund 50 interessierten Zerbster, die sich die Modelle anschauten, reagierten alle positiv. Für jeden schien mindestens ein Entwurf dabei zu sein, der ihm gefällt. „Kirche neu denken, das ist die Aufgabe“, sagte Mario Gabler, Mitglied des Gemeindekirchenrates, zu Beginn der Präsentation. Und vielleicht sprach er damit nicht nur die Studenten an, sondern auch die Zerbster, die sich ja manchmal schwer mit Neuem oder Modernem tun, wie die Vergangenheit zeigte. Einst hatte man über eine Nutzung des Kirchenschiffes als Turnhalle nachgedacht, was aber von den Zerbstern mehrheitlich abgelehnt wurde. „Aber diese Entwürfe sind viel kreativer, ansprechender. Es wurde nicht nur was reingesetzt, sondern die historischen Mauern konkret mit einbezogen, teilweise auch mit einem Nutzen versehen, wie beispielsweise Loggien in einem Entwurf“, ist Jürgen Dietrich, Vorsitzender des Fördervereins St. Nicolai, begeistert.

Auch Jana Reifarth ist angetan: „Es ist faszinierend, wie die alte Substanz mit neuem verbunden wird. Und wie spannend es ist zu hören und zu verstehen, wie die funktionalen Erklärungen sind und die Ableitungen aus der Stadtgeschichte. Es ist bedauerlich, dass diese Erklärungen vielen fehlen werden bei der Betrachtung der Entwürfe und den Diskussionen in den sozialen Netzwerken.“

Ein Entwurf zog ein Mittelschiff quer durch das eigentliche Schiff. „Der Student erklärte, dass in einer Vorgängerform der Kirche der Bau so gewesen ist, beziehungsweise gewesen sein könnte. Es gäbe dafür Anhaltspunkte, sei aber nicht nachgewiesen“, erklärte Thomè den Entwurf. Das könne nicht sein, widersprach Kreisoberpfarrer i.R. Dietrich Franke. Könnte aber doch, wie ein historisches Bild eines Stadtwappens zeigt, das auch in der Dokumentation zu den Entwürfen zu finden ist.

Ein anderer Entwurf setzt moderne Wohnelemente auf die Außenmauern auf, angelehnt an den Gedanken der Wiekhäuser an der Stadtmauer.

Anstoß für Diskussion

„Es ist wirklich viel Tiefgang in den Entwürfen, es ist alles gar nicht auf einmal fassbar. In Ruhe muss man die Modelle auf sich wirken lassen, denn es ist beeindruckend, wie in Themen und Ideen gedacht wird und Verschränkungen gesetzt werden“, sagt Pfarrer Albrecht Lindemann sichtlich beeindruckt. „Wenn die Modelle Anstoß für eine fruchtbare Diskussion sein können, sind wir schon dankbar.“

Dass es dazu Diskussionen geben wird, da ist sich Bürgermeister Andreas Dittmann (SPD) sehr sicher. „Und das ist gut so. Gerade jetzt, wo man uns etwas genommen hat, was wir als selbstverständlich verstanden, ist es wichtig neue Impulse zu bekommen, sich kreativ mit der Stadtentwicklung auseinander zu setzen und etwas im Auge zu haben, was auch Nord nach vorne bringen und einen Heilungsprozess für den Stadtteil einleiten kann.“

Im Vordergrund stehe für ihn das Augenmerk auf einer ganzjährigen Nutzung, weg von der kulturellen Nutzung, die nur punktuell stattfinden kann. „So könnten wir das Schiff erhalten.“

Professor Thomè sieht das genau so und begründet auch so seine konkrete Aufgabenstellung mit dem Wohnanspruch. „Es wurde hier bereits viel investiert in die Erneuerung von Straßen und Plätzen. Diese werden tagtäglich genutzt. Was bringt es, etwas zu machen, was nicht genutzt und nicht in den Alltag eingebunden werden kann? So wird auch alte Substanz erhaltbarer.“