Zerbst l Statt die Kirchenruine St. Nicolai weiter ungeschützt den Gezeiten zu überlassen, könnte man versuchen dem Sakralbau eine neue Funktion zu geben. Wie wäre es beispielsweise mit Wohnen?

Zukunft für Kirchenruine

Zumindest wird es hierzu in naher Zukunft Entwürfe geben, denn zehn Architektur-Master-Studenten der Hochschule Koblenz widmen sich in ihrer Abschlussarbeit genau diesem Thema. Dazu verbrachten sie drei Tage in Zerbst und erkundeten die Stadt, ließen sich viel über Stadtentwicklung, Aufbau und Historie erzählen. Das alles hat noch keine Entwürfe hervorgebracht, das sei aber auch nicht zu erwarten gewesen, sagt der betreuende Professor Peter Thommé. „Man muss sich über die Stadt selbst und die Historie so einem Gebäude erst einmal nähern, erst dann kann man zweckdienliche Entwürfe machen“, erklärte er am Mittwochabend, als es eine kleine Zwischenpräsentation in St. Trinitatis gab.

In vielen grundlegenden Gedanken, die in die Entwürfe einfließen sollen, sind sich alle Studenten aber schon jetzt einig: Trinitatis und St. Nicolai sollten nach außen hin als zusammengehörende Gemeindekrichen auch als Einheit verstanden werden, dazu muss mehr Verbundenheit im Stadtbild umgesetzt werden. Der Marktplatz sollte bei einer Umgestaltung von St. Nicolai einbezogen werden. Die frühere, durch den Krieg zerstörte kleinteilige Bebauung, sollte sich in einer Gestaltung wiederfinden. Private Grünflächen sollten zu Wohnräumen geschaffen werden.

Eine Herausforderung stellt natürlich der Umgang im Generellen mit einem sakralen Bau dar, der einer völlig anderen Funktion zugeführt werden würde. Hier gilt Fingerspitzengefühl, denn hinter so einem Gebäude stehen auch Menschen einer Gemeinde.

Das alles hört sich noch ein wenig abstrakt an, doch sind diese Gedanken durch eine klare Analyse hergeleitet.

Genau diese Analyse brachte auch bei einigen anwesenden Zerbstern Aha-Effekte. Beispielsweise die Plattenbebauung rings um St. Nicolai ist sicherlich optisch schon schwierig, aber dass damit auch ein immenser Schattenwurf verbunden ist, der beispielsweise Wohnungen in der Kirchenruine extrem verdunkeln würde, daran hatte mit Sicherheit bisher noch niemand gedacht.

Umfeld im Blick

Auch wahrscheinlich wenigen bewusst, ist die Wanderung des Zentrums – vom Norden in den Süden. Einst ganz klar am Marktplatz und (mittlerweile zerstörten) Rathaus angesiedelt, liegt das Zentrum mit Unternehmen, neuem Rathaus und auch kulturellen Veranstaltungen mittlerweile im Süden rings um St. Bartholomäi. Dabei hätte der Norden nach wie vor starkes Zentrumspotenzial, finden die Studenten.

Nahversorgung und ärztliche Versorgung stimmen im Norden, auch die Anbindungen sind in Ordnung. Mit planerischen Änderungen wieder hin zum Zentrumscharakter könnte der Norden sogar einige Mankos ausgleichen, die den Studenten ebenfalls in ihrer Analyse auffielen: Es gibt in Zerbst zu wenig Gastronomie. Mit Blick auf die Karte, aber auch vom eigenen Gefühl als Tourist unterwegs gewesen und nur schwer fündig geworden zu sein, konstatierten sie dies. Selbst am Markt, wo man in anderen Städten schnell fündig wird, existiert nur ein Restaurant. Ähnlich sieht es mit Hotels oder Pensionen aus.

Außerdem fehlen Freizeitangebote. Hier könnte man die großen Freiflächen nutzen, die durch Abrisse, häufig von Nachkriegsarchitektur, entstanden sind. Diese seien schwierig, aber auch eine Chance, denn so könnte man hier bedürfnisorientiert handeln.

Allerdings müsse bei allen Ideen auch die Stadtentwicklung und damit auch Bevölkerungsprognosen berücksichtigt werden. Denn wer braucht neue Wohnungen, wenn keine Menschen da wären, die sie bewohnen.

Wie Wohnen in St. Nicolai konkret aussehen könnte, wird man in drei Monaten wissen, denn dann müssen die Studenten mit ihren Entwürfen fertig sein. Dazu wird es Konzepte und Modelle sowie Zeichnungen geben. Peter Thommé betonte, dass es großes Interesse gibt, diese dann auch in Zerbst vorzustellen und man bemühe sich schon jetzt um die Organisation.