Historischer Kriminalfall

Der Prinzenmord von Dessau

Eine Raub mit Todesfolge, verübt von vier Zerbstern, ereignte sich im Jahr 1811 im Schloss Großkühnau. Das Opfer war Prinz Albert Friedrich.

Von Bernhard Spring

Zerbst/Dessau l Johann Philipp Grunert aus Gödnitz warf sich auf den schwächlichen Prinzen, fesselte ihn und zog ihm die Nachtmütze über das Gesicht. Anschließend entwendete er ihm den Schlüssel zu seinem Schreibtisch, entnahm das darin liegende Geld und prügelte in ohnmächtiger Wut auf den wehrlosen 61-Jährigen ein, da er eine höhere Summe Geldes und auch Gold vorzufinden erhofft hatte.

Während Grunert den Gefesselten prügelte, machten sich seine drei Zerbster Komplizen über dessen Pflegerin her, die in denselben Zimmer schlief. Die Frau wurde gut eine Stunde lang gewürgt, geschlagen, vergewaltigt und schließlich, da sie immer noch lautstark um Hilfe rief, erstickt. Mit dem geraubten Geld verschwanden die vier Räuber in die Nacht. Wenige Tage darauf verstarb auch der Prinz, zutiefst traumatisiert von dem brutalen Überfall.

Der Vorfall, der sich in der Nacht zum 13. Oktober 1811 in Schloss Großkühnau (zu Dessau-Roßlau) ereignete, erregte nicht nur wegen der dabei angewandten Gewalt europaweites Aufsehen: Mit Prinz Albert Friedrich (1750-1811) war immerhin ein Mitglied des Hochadels, ein Bruder von Herzog Leopold III. Friedrich Franz (1740-1817), von seinen Untertanen liebevoll Vater Franz genannt, überfallen worden und zu Tode gekommen.

Die vier Täter waren schnell überführt, da sie das Geld des Prinzen leichtfertig ausgaben und kein Alibi für die Tatzeit nachweisen konnten.

Offenbar selbst geschockt von dem tödlichen Ausgang des verübten Diebstahls, gestanden sie schnell ihre Schuld, sodass der Tathergang bis ins letzte Detail rekonstruiert werden konnte. Demnach hatten sich die in Zerbst ihr Unwesen treibenden Diebe Christian Fahlteich, Peter Lehmann und die Brüder Johann Philipp und Jakob Grunert zunächst am Abend des 12. Oktobers in Pakendorf getroffen und im nahen Brambach ein Boot zu stehlen versucht, was ihnen schließlich im benachbarten Rietzmeck gelungen war. Hier hatten sie die Elbe überquert, hatten den Gartenzaun um das Prinzenschloss aufgebrochen und waren mithilfe einer Leiter in das Schlafgemach des Schlossherrn eingebrochen. Fahlteich verfügte als ehemaliger Reitknecht des Prinzen über die nötigen Ortskenntnisse, schätzte das im Schloss vorrätige Vermögen aber viel zu hoch ein: Mit einer fantastischen Summe von 16.000 Talern lockte er seine Komplizen - die am Ende wenig mehr als 400 Taler erbeuteten.

Fahlteich und Philipp Grunert konnten bald nach der Tat in Zerbst, Lehmann in Walternienburg verhaftet werden. Jakob Grunert hingegen war nach Wittenberg geflohen und wurde erst nach zähen Verhandlungen mit dem Königreich Sachsen an Anhalt ausgeliefert. Schnell wurden sich die Gefangenen der Tragweite ihres Verbrechens und der ihnen drohenden Strafe bewusst: Philipp Grunert versuchte, aus dem Zerbster Ratsgefängnis auszubrechen, sein Bruder beging im Dessauer Gefängnis Suizid.

Gnadengesuch abgelehnt

Der in Dessau verhandelte Fall zog sich jedoch über lange Monate hin, da juristisch schwer zu klären war, ob die Räuber den Tod der Pflegerin bewusst herbeigeführt hatten oder ob es sich um einen Unfall handelte. Die Verteidiger behaupteten letzteres und forderten deshalb eine für einfachen Diebstahl übliche zweijährige Zuchthausstrafe. Das schließlich eingeschaltete Jenaer Schöffengericht bestätigte allerdings den Raub mit Tötung und setzte die Todesstrafe fest.

Im Mai 1812 lehnte Herzog Friedrich III. den Gnadengesuch der Verurteilten ab und so wurden Fahlteich, Grunert und Lehmann am 6. Juni auf dem Richtplatz bei dem Dorf Törten (Dessau-Roßlau) hingerichtet: Nachdem sie dort geköpft worden waren, wurden ihre Köpfe aufgespießt.

Dem grausigen Spektakel wohnten 13 000 Menschen - etwa zehn Prozent der Gesamtbevölkerung - bei, an die extra Eintrittskarten verkauft worden waren. Die Tötung der drei Räuber war die letzte öffentlich vollzogene Hinrichtung in Anhalt.