Zerbst l Eine tödliche Messerstecherei auf dem Stadtfest in Chemnitz, ein Toter in Köthen. Eskalierte Gewalt zwischen Deutschen und Flüchtlingen, die Menschen auf die Straße treibt – zu Trauermärschen und Protesten. Die einen setzen ein Zeichen für Toleranz, andere skandieren rechtsextreme Parolen.

Die Ereignisse beherrschen die Medien und beschäftigen die Menschen – auch in Zerbst. Das wird während der Diskussionsrunde zum Thema „Frieden und Recht“ deutlich, zu der das Museum der Stadt gemeinsam mit dem Förderkreis St. Nicolai eingeladen hat und die im Rahmen des Bundesprogramms „Demokratie leben!“ von der Partnerschaft „Kreis der Vielfalt! Anhalt-Bitterfeld“ gefördert wird. Die Anzahl der Teilnehmer ist überschaubar, nichtsdestotrotz entwickelt sich rasch ein reges Gespräch über die aktuelle Bedrohung der Demokratie und dem notwendigen Aufstand der Zivilgesellschaft.

Aufschrei der Demokraten gefordert

Es gebe derzeit eine Bewegung, die den Rechtsstaat außer Kraft setzen will, sagt Bürgermeister Andreas Dittmann (SPD). Wer glaube, Geschichte wiederhole sich nicht, irre sich, befürchtet er mit Blick auf die Machtergreifung der Nationalsozialisten in den 1930er Jahren. „Ich hab‘ den Eindruck, dass wir mittendrin in einer Wiederholungsspirale sind“, konstatiert der Rathauschef. Dies müsse alle hochsensibel werden lassen, die die Rechtsstaatlichkeit vertreten, so Dittmann.

„Die Vielen, die unser Land retten wollen, müssen lauter werden“, sagt Jens Wernecke. Vor einem Jahr wäre er nicht zu einer solchen Diskussionsrunde gekommen, gesteht der Jütrichauer, der sich ehrenamtlich als Flüchtlingslotse in der Einheitsgemeinde Zerbst engagiert. Die aktuellen Geschehnisse jedoch, die auch seine Schützlinge verunsichern, bewogen ihn zur Teilnahme.

„Ich vermisse den Aufschrei der Zivilgesellschaft“, erklärt Claus-Jürgen Dietrich. Ein Aufstand der Demokraten über Parteigrenzen hinweg sei notwendig, betont der Vorsitzende des Förderkreises von St. Nicolai. „Ich war sicher, Krieg passiert nicht mehr“, sagt Dietrich. Inzwischen mache ihm Angst, wie sich der Rechtsruck in der Gesellschaft weiterentwickelt. „Wer sich gemein macht mit Leuten, die den Hitlergruß zeigen, sozialisiert sich mit den Nationalsozialisten“, so der Vereinsvorsitzende.

Rechtsruck hat viele Ursachen

„Wir sind verwöhnt, was Frieden angeht. In meinen 60 Jahren habe ich nichts anderes erlebt“, sagt Dietrich Landmann. „Nun erleben wir, dass neuer Nationalismus entsteht.“ Die Ursache sieht der Geschäftsführer der Zerbster Diakonie in den gesellschaftlichen Umbrüchen: „Es ist sehr viel in Bewegung. Das macht unsicher.“

„Das Problem liegt im nicht gekonnten Zusammenwachsen von Ost und West nach der Wende“, sagt Oberkirchenrat i.R. Dietrich Franke. „Es gibt viele zerbrochene Existenzen, und das sitzt fest“, gibt er zu bedenken. Und nun erleben die Menschen, wie rührig sich die Gesellschaft um Flüchtlinge kümmert. Das erzeuge Neid, weiß der Bürgermeister, der sich dennoch wundert, dass die Alternative für Deutschland (AfD) dort den meisten Zuspruch hat, wo die Flüchtlingsdichte gering ist. Werde die Zurückgesetztheit vielleicht kultiviert, fragt Landmann.

„Wir werden nicht zu Frieden kommen, wenn wir die Mitte nicht finden“, sagt Franke. „Frieden und Gerechtigkeit sind immer eine Illusion“, formuliert es Landmann überspitzt. Beiden sei hinterher zu jagen, das sei die Herausforderung. „Die Zivilgesellschaft fordert, dass man wach und aktiv ist und sich seiner Verantwortung stellt“, konstatiert Museumsleiterin Agnes-Almuth Griesbach .