Zerbst l Bereits seit Längerem ist die Situation im Zerbster Tierheim angespannt. Nun hat sich die Lage weiter verschärft. Vor allem der enorme Anstieg der Katzenpopulation sorgt für einen hohen finanziellen wie personellen Aufwand, der den Tierschutzverein als Betreiber überfordert. Genehmigt ist die dauerhafte Haltung von 60 Katzen. „Derzeit haben wir 136“, so Diana Hofmann. Sie leitet die Einrichtung in der Biaser Straße, deren Schließung nun droht. Deshalb wandte sie sich an Bürgermeister Andreas Dittmann (SPD).

Die Stadt hat mit dem Verein einen Vertrag zur Betreuung von Fundtieren geschlossen und bezuschusst das Tierheim jährlich mit einem „hohen Betrag“, so Dittmann. 96 820 Euro sind das 2020. In der Summe enthalten sind 3100 Euro, mit denen die Kastration der Katzen anteilig übernommen wird. Dieser Betrag war allerdings bereits nach den ersten beiden Quartalen aufgebraucht. Hier traf der Bürgermeister innerhalb seiner Befugnisse und in Absprache mit der Finanzverwaltung bereits die Entscheidung, seitens der Stadt sämtliche in diesem Jahr anfallenden Kastrationskosten zu übernehmen, „um zumindest den Zuwachs an Katzen zu verlangsamen“, begründete er im Haupt- und Finanzausschuss.

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Dessen Mitglieder hatten sich im Vorfeld ihrer regulären Sitzung im Tierheim getroffen, um sich ein persönliches Bild von den gegenwärtigen Problemen zu verschaffen und nicht allein anhand der Aktenlage zu entscheiden, wie Dittmann begründete.

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Diana Hofmann führte die Anwesenden über das Gelände. Sie erzählte von der momentanen Mäuseplage und den Waschbären, die für Schäden sorgen. Sie zeigte ihnen die undichten Container und die ungedämmten Hundehäuser, in die es mittlerweile hineinregnet.

Nur zwei Festangestellte

„Wir haben 365 Tage im Jahr auf“, beschrieb sie zugleich den personellen Engpass. So verfügt das Tierheim aktuell über zwei Festangestellte – neben ihr als Leiterin mit Sachkundenachweis ist dies eine ungelernte Aushilfskraft. Bis Juni 2021 werden darüber hinaus zwei Mitarbeiter mittels einer Maßnahme über das Jobcenter gefördert. Mit Ein-Euro-Jobbern oder zusätzlichen Kräften über den Bundesfreiwilligendienst oder das Freiwillige Ökologische Jahr sei indes weniger zu planen.

Stattdessen würden die Vorstandsmitglieder des Tierschutzvereins viele ehrenamtliche Stunden investieren. Inzwischen seien sie allerdings am Limit ihrer Kräfte angelangt, schilderte Diana Hofmann. „Ohne weiteres Personal halten wir es nicht mehr durch“, betonte sie. Zwingend benötigt würden zwei Tierpfleger. Eigentlich wären sogar acht Vollzeitstellen notwendig.

Verein schafft nicht alles

Fakt ist: Der gemeinnützige Verein allein kann es nicht stemmen, weiteres Fachpersonal einzustellen. Nach jetziger Schätzung belaufen sich die Gesamtausgaben für den Betrieb des Tierheims dieses Jahr auf rund 205.000 Euro. Abzüglich des Zuschusses der Stadt bleibt ein Defizit von gut 108.000 Euro, das auszugleichen ist.

Dass es bislang weiterlief, lag auch daran, „dass Vorstandsmitglieder sogar Privatkredite aufgenommen haben“, sagte Diana Hofmann. Nun aber sind andere Lösungsideen gefragt. Seitens des Ordnungsamtes wurden drei Alternativen erarbeitet, die Anne-Katrin Leps als zuständige Mitarbeiterin vorstellte.

Zuvor erläuterte Amtsleiterin Kerstin Gudella, dass die Stadt im Rahmen der Gefahrenabwehr nur für Fundtiere, das heißt für entlaufene oder verlorene Tiere, sowie so genannte Verwahrtiere beispielsweise aus einer Wohnungsräumung zuständig sei. Im Falle, dass deren Unterbringung in einem Tierheim nicht mehr möglich sei, könnte mittels Ausschreibung mit einer Tierpension eine entsprechende Vereinbarung getroffen werden. Die Kosten würden vorerst von der Stadt getragen und dann dem Besitzer auferlegt.

Städtisches Tierheim als Option

Möglich wäre ebenfalls die Einrichtung eines städtischen Tierheims. „Das wäre nicht die preisgünstigste Variante“, bemerkte der Bürgermeister hinsichtlich der geschätzten Kosten für Personal und Unterhaltung von 560.000 Euro im Jahr – vorausgesetzt, es findet sich ein passendes Objekt und es sind keine weiteren Investitionen notwendig.

Insofern die jetzige Vereinbarung mit dem Tierschutzverein weiterlaufen soll, wären in den kommenden Jahren höhere Zuschüsse im Haushaltsplan einzustellen, wie Anne-Katrin Leps ausführte. Für 2021 steht ein Mehrbetrag von 66 100 Euro im Raum, 81 600 Euro wären es für 2022 und 93 600 Euro für 2023.

Bisher keine Meinung zu Vorschlägen

Eine Meinung zu den verschiedenen Vorschlägen äußerte noch niemand. „Klar ist, dass wir die Sprache wiederfinden müssen, spätestens, wenn der Verein die Reißleine zieht, haben wir Handlungsdruck“, kommentierte Dittmann die plötzlich eingekehrte Stille im Rathaussaal. „Wir nehmen es mal mit in die einzelnen Fraktionen“, beendete er vorerst das Thema, versprach Diana Hofmann jedoch: „Wir bleiben im Gespräch.“