Zerbst l Zahlreiche Mitglieder des Zerbster Stadtrates und viele Bürger hatten sich am Mahnmal „Roter Garten“ versammelt, um gemeinsam der Millionen Opfer des Nationalsozialismus zu gedenken.

„Auch wir reihen uns in dieses Gedenken ein, und das aus gutem Grund“, betonte Dittmann. Auch Angehörige der Zerbster jüdischen Gemeinde verloren im Vernichtungslager Auschwitz ihr Leben. „Aber auch viele andere Lager wurden für Zerbster zum Tor zur Hölle auf Erden“, erinnerte der Bürgermeister an die Schreckensherrschaft der Nazis.

In die Seele geschrieben

Man sollte meinen, dass das Gewahrwerden einer so unfassbar grausigen Mordmaschine dazu führt, dass sich das für alle Zeit in unserem Volk in die Seele schreibt. „Wäre dem so, könnten wir uns auf das schweigende Niederlegen eines Kranzes als Zeichen des Erinnerns beschränken“, sagte Dittmann.

Stattdessen würden wir uns in einer Situation sehen, in der der Innenminister die Schaffung eines Antisemitismusbeauftragten auf die Tagesordnung der nächsten Bundesregierung setzt. Ein öffentliches Amt, nicht dazu geschaffen, den Blick des Erinnerns zu schärfen, sondern für ein härteres Vorgehen gegen Judenfeindlichkeit in Deutschland.

„Hat also das kollektive Gedächtnis unseres Volkes Lücken? Sind Teile unseres Erinnerns von einer Amnesie betroffen? Oder ist es eben doch die Brechtsche Wahrheit, die er uns mit dem Epilog im „Der aufhaltsame Aufstieg des Arturo Ui“ hinterlassen hat?“, fragte Dittmann und fügte den genannten Epilog an:

„Ihr aber lernet, wie man sieht statt stiert. Und handelt, statt zu reden noch und noch. So was hätt´ einmal fast die Welt regiert! Die Völker wurden seiner Herr, jedoch: Daß keiner uns zu früh da triumphiert – Der Schoß ist fruchtbar noch, aus dem das kroch.“

Forderungen aus der Politik

Der Bundesinnenminister sei dabei nicht der Einzige, der eine Antisemitismusbeauftragten fordert. Auch der unabhängige Expertenkreis Antisemitismus der Bundesregierung habe im April 2017 die gleiche Forderung geäußert.

Menschen jüdischen Glaubens sorgten sich aufgrund alltäglicher antisemitischer Erfahrungen zunehmend um ihre Sicherheit. Internet und soziale Medien seien zu zentralen Verbreitungsinstrumenten von Hassbotschaften und antisemitischer Hetze geworden, hat das Gremium in seinem Bericht festgestellt.

„Bilder von brennenden israelischen Fahnen sind längst nicht mehr Berichten aus den Nahen Osten vorbehalten. Sie finden sich auch in Deutschland“, mahnt Dittmann.

Geistige Brandstifter

Nein, nicht in Zerbst, aber auch wir würden nicht unter einer Käseglocke der Glückseligkeit leben. „Zu den geistigen Brandstiftern in den eigenen Reihen a la Höcke gesellen sich in unserer Zeit Menschen, für die Judenhass nichts Undenkbares sondern scheinbar Teil der Muttermilch war“, macht der Bürgermeister deutlich. „Wir schaffen das“ sei in dem Fall nur das Ziel, nicht aber die Realität.

Wir hätten, spricht Dittmann, die schwierige Aufgabe, einerseits alles dafür zu tun, dass jener Brechtsche noch immer fruchtbare Schoß endlich der Vergangenheit angehört und andererseits den Menschen, die zu uns kommen und denen der Judenhass von Kindesbeinen anerzogen wurde, deutlich zu machen, dass dafür in Deutschland kein Platz ist und dass das Existenzrecht des Staates Israel unverhandelbar ist. Eine solche Aufgabenstellung hätte Roman Herzog nicht zu ahnen gewagt.

„Ein Sprichwort sagt: Gefahr erkannt, Gefahr gebannt. Nun, so einfach ist es nicht. Aber Erkennen ist eine wichtige Voraussetzung. Oder um es noch einmal mit Brecht zu sagen: Ihr aber lernet, wie man sieht“, mahnt Dittmann abschließend.