Wo hat sich Zerbst in diesem Jahr am meisten verändert?

Ich tue mich schwer, mich bei dieser Frage festzulegen. Es gibt viele Stellen im ganzen Stadtgebiet. Vor allem beteiligen sich wirklich alle daran, dass sich in der Einheitsgemeinde etwas entwickelt – Bürger, Unternehmen, Wohnungsgesellschaften und die Kommune investieren. In Zerbst-Nord wird nicht mehr nur abgerissen, sondern neu gebaut. Da stolpert man förmlich drüber, was die „Frohe Zukunft“ alles auf den Weg gebracht hat. Der Bahnhofsvorplatz ist neu gestaltet. Auf der Breite ist ein Baufeld entstanden, das derzeit zwar eher unansehnlich ist, aber eben nur die Vorstufe zu einer neuen Bebauung. Die Wasserburg in Walternienburg ist wieder von einer sanierten Umfassungsmauer umgeben, viele Kilometer des Elberadwanderweges sind neu entstanden. Die Liste ließe sich fortsetzen...

Welche weniger schönen Erlebnisse gab es?

Ich glaube für die Stadt war der große Waldbrand bei Grimme ein herausragendes Ereignis, bei dem so ziemlich jede Ortswehr involviert war. Es war andererseits auch eine wichtige Erfahrung zu erleben, wie gut das Zusammenspiel der Kräfte funktionierte und wie ehrlich und konstruktiv danach die Auswertung erfolgte, um künftig noch besser agieren zu können. Da wurde alles sehr kritisch auseinandergenommen – vom Technikeinsatz bis zur Struktur der Führungsebenen. An der Stelle muss man den Einsatzkräften einen enormen Tribut zollen, was sie ehrenamtlich leisten.

Welches war ihr persönlich eindrucksvollstes Erlebnis?

Da ragt für mich die Moskaureise heraus. Ganz klar. Was wir dort erlebt haben – Annegret Mainzer, unsere junge Katharina Esther Sophie Enke und ich – das war schon bemerkenswert. Die Stadt an sich ist schon unglaublich. Aber auch zu spüren, mit welcher besonderen Wertschätzung selbst in Moskau Katharina die Große und von ihr ausgehend die tiefe und enge Verbindung zwischen Russland und Deutschland wertgeschätzt wird und welches Potenzial für uns in Zerbst gerade damit verbunden ist, das kann einen nicht kalt lassen.

Und welches Ereignis bleibt Ihnen beim Blick auf die Heimat in Erinnerung?

Wenn ich daran denke, was die Steutzer zur 750-Jahrfeier auf die Beine gestellt haben. Hut ab! Es hat einfach Spaß gemacht, dabei sein zu können. Auch Polenzko – ein viel kleinerer Ort – wie sie geschafft haben, ihr Jubiläum zu feiern und andere daran teilhaben zu lassen, das zeigt schon, wie viel Leben in unseren Orten ist. Und das sind immer Ereignisse, die toll sind.

Das Taubenproblem wurde in diesem Jahr angegangen – wie ist das Ergebnis?

Der Bestand wurde um über 200 gefangene Tiere verringert. Ich kann aber nicht sagen, wie viele Gelege ausgebrütet wurden und ob es uns tatsächlich gelungen ist, den Gesamtbestand zu reduzieren. Klar ist, dass die Variante, die wir in diesem Jahr gefahren sind, keine Dauerlösung darstellt, weil sie sehr teuer und im Erfolg fragwürdig ist. Deshalb bemühen wir uns jetzt erneut um den Erwerb einer geeigneten Fläche in der Nähe des Bahnhofs, wo wir ein Taubenhaus errichten wollen, um dann dort die Gelege zu entnehmen und gegen taube Eier auszutauschen. Diese Methode sollte nachhaltiger sein und auch den Tierschutzvorgaben Rechnung tragen.

Rege Diskussion gab es um das Schloss. Zum einen wurde Unmut laut, dass die beliebte Veranstaltung „Musik trifft Denkmal“ nicht mehr dort stattfindet.

Ich bedaure sehr, dass alle, die in der Organisation von „Musik trifft Denkmal“ involviert waren, nicht die Möglichkeit genutzt haben, bei der Jahreshauptversammlung des Fördervereins Schloss Zerbst das Thema anzusprechen. Dort ist der Jahresplan für die Veranstaltungen vorgestellt und diskutiert worden. Insofern ist das Bild, das in der Öffentlichkeit entstand falsch, dass die Veranstaltung kurzfristig abgesagt wurde. Das stand schon zum Jahresbeginn fest. Der Veranstalter hätte da a) unter den Vereinsmitgliedern werben können, es anders zu machen, b) hatte er faktisch ein komplettes Jahr Zeit, über Alternativen nachzudenken. Das ist alles nicht passiert. Darum finde ich es schade, dass dieser Streit, wenn man es so nennen will, auf dem Rücken ausschließlich ehrenamtlich Tätiger des Schlossvereins ausgetragen wurden.

Kritik gab es ebenfalls an der Aussichtsplattform – inwiefern hat die Stadt die Entscheidung mitgetragen?

Die Plattform war von Beginn an Teil der neunten Sicherungsmaßnahme, für die eine Baugenehmigung und die denkmalrechtliche Genehmigung vorlag. Aber es haben sich offensichtlich alle mehr auf das Herstellen der Abschlussdecke und die Errichtung des Pavillondachs konzentriert und vielleicht auch die Wirkung dieser Plattform unterschätzt. Deswegen ziehen wir für uns die Lehre, künftig detaillierter in den Ausschüssen auf die einzelnen Vorhaben einzugehen, um die öffentliche Aufregung etwas einzufangen. Und die Plattform ist, das kann ich an der Stelle nur wiederholen, wie der Vorstand des Schlossvereins zum Ausdruck gebracht hat, keine Dauerlösung. Irgendwann soll dort wieder ein vernünftiger Dachstuhl drauf und dann verschwindet die Plattform. Wir sollten einfach mal die Chance nutzen, hochzugehen und zu gucken. Von denen, die bereits oben waren, habe ich bisher nur Begeisterung über die Aussicht gehört.

Ein Projekt, das angekurbelt wurde, betrifft die Sanierung und Umnutzung des Frauenklosters. Sind die gut zwei Millionen Euro aus dem Förderprogramm „Stark V“ hier perspektivisch gut angelegt, oder hätten sie nicht doch wie gefordert in die Sanierung schlechter Gehwege fließen sollen?

Grundsätzlich müssen wir daran denken, dass die Verbesserung der Gehwegsituation in der Regel immer mit der Sanierung der Straße verbunden wird, um auch dafür Fördermittel einsetzen zu können. Eine reine Instandsetzung der Gehwege wäre über das Bundesförderprogramm nicht möglich, da es keine Investition wäre. Die Frage ist: Mit welchem Instrument können wir was realistisch sanieren? Und hier müssen wir feststellen, dass der Klosterhofkomplex einschließlich des Frauenklosters seit vielen Jahren als Dauerthema auf der Prioritätenliste des Stadtrates steht. Alle bisherigen Ideen oder Gespräche mit potentiellen Investoren sind nicht von Erfolg gekrönt gewesen. Es stellt sich deshalb die Frage: Wollen wir zusehen, wie solch ein Baudenkmal, noch dazu in dieser Größe, weiter zerfällt, oder schaffen wir es in einem Kraftakt, dieses Objekt nicht nur zu erhalten, sondern auch zu nutzen und damit einen Impuls für die Stadtentwicklung zu setzen? Genau solche Zielsetzungen verfolgt der Bund mit dem Stark-V-Programm.

Das Abrufen der Gelder verursacht hohe Vorleistungen. Rund 97 000 Euro muss die Stadt vorab in Planungsleistungen stecken.

Dass das Förderprogramm eine detaillierte Antragstellung mit umfänglichen denkmalpflegerisch geforderten Voruntersuchungen einhergeht, können wir nicht ändern. Aber selbst mit diesen Vorleistungen kommen wir auf eine Förderquote von 95 Prozent. Das nicht zu nutzen, hielte ich für mehr als fahrlässig. Natürlich haben wir noch viele weitere Baustellen. Es hilft aber nicht, sich zu verzetteln und überall ein wenig zu machen und am Ende nichts fertig zu bekommen.

Wann startet die Klostersanierung?

Aufgrund des Zeitplanes, der uns bei der Stark-V-Förderung im Nacken sitzt, müssen wir die Maßnahme 2017 und 2018 konzentriert angehen. Das bedeutet, dass im nächsten Jahr wird schon gebaut wird.

Ein weiteres Stichwort, das 2016 fiel, war „digitales Klassenzimmer“ – manch eine Grundschule hofft auf eine Ausstattung mit den interaktiven Tafeln in den Winterferien. Wird das geschafft?

Das ist wirklich Unfug. Und das war auch nie im Gespräch. Wir haben von Anfang an deutlich gemacht, dass wenn, dann müssen wir alle kommunalen Grundschulen ausstatten und da haben wir eben sechs und nicht eine. Und damit ist klar, wir befinden uns in einem Investitionsvolumen von rund 309 000 Euro, das wir ohne eine Förderung nicht gestemmt kriegen. Und da müssen wir einfach zur Kenntnis nehmen, dass das Land Sachsen-Anhalt bis jetzt die entsprechende Förderrichtlinie nicht veröffentlicht hat. Damit ist klar, eine Ausrüstung mit digitalen Tafeln kann in den Winterferien nicht realisiert werden. Und da kann ich noch so ungeduldig trampeln, es wird nicht gehen. Hinzu kommt, dass bislang nur Lindau über schnelles Internet verfügt, an den anderen Standorten kommt das erst im Zuge des Breitbandausbaus.

Wie schaut der aktuelle Zeitplan zur Ausstattung mit digitalen Klassenzimmern aus?

Die geforderten medienpädagogischen Konzepte, bei deren Erstellung alle Grundschulen intensiv beteiligt waren, liegen nun vor. Wir befinden uns jetzt in der Schlussphase der Erstellung eines Technikkonzeptes. Im Januar wird dann, egal, ob es die Richtlinie gibt oder nicht, der Förderantrag gestellt. Dann werden wir alle Gesprächsrunden nutzen, um möglichst intensiv für unsere Konzepte zu werben und hoffen, dass sie, wenn die Richtlinie in Kraft tritt, umgesetzt werden können.

Zu den Projekten, die 2017 realisiert werden sollen, gehört der zweite Bauabschnitt zur Erschließung des südlichen Bahnhofsareals für weitere Parkflächen – können Sie schon Konkreteres sagen?

Wir sind gerade dabei, die entsprechende Bahnfläche zu kaufen. Wir werden dazu in den nächsten Wochen den Notartermin haben, so dass wir im Besitz der Flächen sind. Dann geht es in die Feinplanung. Die Fördermittel sind ja schon bewilligt. Das heißt, dieses Projekt wird 2017 umgesetzt.

Im September 2017 steht mit der Neuinszenierung des Zerbster Prozessionsspiels ein besonderer Höhepunkt an: Was erhoffen Sie sich davon?

Dass wir das Zusammenwachsen der Einheitsgemeinde ein ganzes Stück voranbringen. Das war ja von Anfang die konzeptionelle Idee. Deshalb auch die Anzahl von 25 Bildern aus der Vielzahl der Szenen, die das historische Vorbild liefert. 25 – das sind die 24 ehemals selbstständigen Gemeinden plus die Stadt Zerbst. Das Prozessionsspiel als großes Gemeinschaftsprojekt zu initiieren, da haben wir viel Rückenwind bekommen. Dass sich schon jetzt über 300 Personen bereitgefunden haben mitzumachen, ist doch ein gutes Zeichen. Und weitere können gern hinzustoßen. Das ist Innemarketing. Zum Außenmarketing gehört, dass wir damit endlich als Stadt der Reformation wahrgenommen werden wollen und möglichst Viele animieren, unsere Stadt und Ortsteile zu besuchen. Wir brauchen uns ja schließlich nicht verstecken, sondern haben ganz viel zu bieten. Das soll dann auch über das Reformationsjumbiläumsjahr 2017 hinaus wirken.