Volksstimme: Sie sind Mitglied des Landtages und ehrenamtlich im Gemeinde- und Ortschaftsrat ihrer Heimatgemeinde tätig. Jetzt werfen Sie noch Ihren Hut in den Ring für die Landratswahl?
Volker Olenicak: Ich möchte Verantwortung für unseren Landkreis übernehmen. Ich bin auch Mitglied im Kreistag und musste feststellen, dass vieles eingefahren ist. Um eine positive Veränderung herbeizuführen, müssen wir jetzt reagieren und handeln. Als Landrat habe ich deutlich mehr Möglichkeiten, dieses Ziel für meine Heimat zu erreichen.

Ihre Gegenkandidaten, zumindest die, die bisher bekannt sind, wollen mit Erfahrung punkten. Sie auch?
Erfahrung ist nicht alles – das haben die letzten Jahre doch eindeutig gezeigt. Ich möchte mit Wahrhaftigkeit punkten. Daran mangelt es in der heutigen Zeit besonders. Ich denke, die Bürger müssen wieder Vertrauen entwickeln. Das geht nur, wenn sich die Landkreisverwaltung als Dienstleister am Bürger versteht. Ich setze genau da an und werde mit meiner Glaubwürdigkeit überzeugen. Seit 2014 bin ich im Gemeinderat Muldestausee, und wir sind dort bei der Kommunalwahl 2019 zur stärksten Kraft aufgestiegen. Wir haben bewiesen, dass wir ohne Par- teischeuklappen sachlich für die Bürger entscheiden können. Genau das ist meine Linie.

Sehen Sie denn in Sachen Wahrhaftig- und Glaubwürdigkeit bei den anderen Kandidaten Defizite?
Was ich meine: Wenn sie sich auf den Marktplätzen mit den Bürgern unterhalten, was wir viel machen, fehlt es den Politikern vor allem an einem, an Glaubwürdigkeit. Politiker im Allgemeinen erzählen viel, vor allem was die Bürger hören möchten und vor allem vor Wahlen. Und am Ende ist dann nicht mehr viel wahr, von dem, was so alles versprochen und den Bürgern in Aussicht gestellt wurde. Als man mich nach der Landtagswahl 2016 gefragt hat, was ich denn den Bürgern versprochen habe, sagte ich gar nichts, außer einem, dass ich mich für unser aller Bedürfnisse einsetzen werde – und das mit ganzer Kraft und ohne ideologische Scheuklappen. Das hat mir der Bürger abgenommen und ich glaube, das kann man mir auch heute abnehmen. Das gilt auch und insbesondere für die Funktion des Landrates.

Womit wollen Sie bei den Anhalt-Bitterfeldern punkten? Oder anders gefragt, wie wollen Sie den Landkreis erfolgreicher machen?
Ich werde vor allem Politik für unsere Bürger machen. Die Einschränkungen der Freiheit während der Corona-Pandemie sollten auf das notwendige Maß beschränkt werden. Ich möchte, dass Verwaltung und Menschen wieder näher zusammenrücken und die Bürgermeister regelmäßig an einen Tisch holen. Die Interessen des Landkreises würde ich als Landrat gegenüber dem Land und dem Bund deutlicher als mein Vorgänger artikulieren und energischer vertreten.

Für die Zerbster ist der Landkreis und Köthen so weit weg wie die EU von Brüssel. Wie wollen Sie das ändern?
Die Gebietsreformen sind eine der Ursachen, warum sich viele Zerbster abgehängt fühlen. Aber nicht nur die größeren Entfernungen, sondern auch eine Entrückung zwischen Verwaltung und Bürger lässt viele Zerbster so empfinden. Die Gebietsreform hat die zugesagten Synergieeffekte, die Verwaltung effektiver zu gestalten und finanzielle Mittel einzusparen, kaum erreicht. Die Kreisgebietsreform ist nicht so einfach rückgängig zu machen, jedoch befürworte ich eine Dezentralisierung und werde den Verwaltungsstandort Zerbst auf jeden Fall erhalten. Den Zerbstern kann ich sagen, dass ich mich als Landrat gleichermaßen für alle Gebiete des Landkreises einsetzen werde, und bei meiner täglichen Arbeit wird der Gleichbehandlungsgrundsatz als Selbstverständnis Anwendung finden.

Die Zerbster hatten seit der Kreisgebietsreform immer das Gefühl, als säßen sie am Katzentisch, die dicksten Brocken gingen immer an die anderen. Was sagen Sie den Zerbstern?
Ich möchte ein Landrat für alle sein. Ich werde mich für Köthen, Bitterfeld und Zerbst gleichermaßen einsetzen und auf eine gerechte Verteilung der von Ihnen genannten „dicken Brocken“ achten.

Momentan wird über den Neubau einer Leitstelle diskutiert. Dazu gibt es einen offenen Brief der Gemeinde- und Stadtwehrleiter, die genau diesen Neubau fordern.
Diesen Neubau werde ich unterstützen. Die Analyse der Varianten lässt nichts anderes zu. Die Feuerwehr, der Rettungsdienst und der Katastrophenschutz sind wichtige Garanten für Ordnung und Sicherheit in unserer Gesellschaft. Eine eigene, leistungsfähige Leitstelle ist für die Gefahrenabwehr unverzichtbar. Unter der Sparpolitik der vergangenen Jahre haben die Wehren genug gelitten, und deshalb sollten wir jetzt nicht auch noch an der Leitstelle sparen. Die Gemeinde- und Stadtwehrleiter sowie der Kreisbrandmeister wissen, was sie tun und was benötigt wird. Weitere Einsparmaßnahmen wären mit mir als Landrat nicht zu machen – erst Recht nicht zu Gunsten einer Großleitstelle zusammen mit anderen Landkreisen. In Sachsen kann man sehen, dass dies nicht funktioniert. Die Kreistagsfraktion der AfD mit ihren elf Mitgliedern hat sich eindeutig für den Bau einer neuen Leitstelle positioniert.

Den Bürgermeistern treibt die Kreisumlage regelmäßig den Schweiß auf die Stirn. Wie werden Sie als möglicher Landrat mit diesem umstrittenen Thema umgehen?
Das ist durchaus nachvollziehbar, da Städte und Gemeinden ständig mit Unterfinanzierung kämpfen. Der Landkreis ist zur Hälfte durch die Kreisumlage finanziert und darauf angewiesen. Auch dieser leidet unter der seit vielen Jahren andauernden finanziellen Schieflage. Das kann nicht ewig gutgehen. Das Grundproblem ist der chronische Geldmangel von Landkreis und Kommunen. Das Unterfinanzierungsproblem kann nur durch eine Neuregelung der Finanzbeziehungen von Bund, Land und Kommunen gelöst werden, damit von den gut 800 Milliarden Euro Steuereinnahmen in Deutschland auch was bei den Kommunen ankommt. Die Besteuerung von Unternehmen am Ort der Wertschöpfung ist hier der Schlüssel für die Kommunen im Osten. Als Landrat werde ich Bund und Land auffordern, durch eine Reform des kommunalen Finanzausgleichs ihrer Verantwortung gegenüber unseren Kommunen und den Bürgern nachzukommen. Zu diesem Thema werde ich nicht schweigen. Ein „weiter so“ wird es mit mir nicht geben.

Sie wollen Landrat in Anhalt-Bitterfeld werden, heißt das, Sie werden im kommenden Jahr nicht noch einmal zur Landtagswahl antreten?
In einem Wahlkreis werde ich nicht für den Landtag kandidieren. Mit der Parlamentsreform sind zwei Wahlkreise weggefallen. Mein Wahlkreis 29 ist einer der beiden und wurde auf zwei andere aufgeteilt. Das ist sehr schade, da mein Wahlkreis zur Landtagswahl 2016 ein sehr gutes Ergebnis erzielt hat und die Bürger mich direkt gewählt haben. Außerdem hat der Landkreis durch den Wegfall eines Wahlkreises eine Stimme weniger in Magdeburg. Umso wichtiger ist es, dass wir einen Landrat bekommen, der auch in Magdeburg wahrgenommen wird und für unseren Landkreis kämpft. Dafür stehe ich bereit.

Der CDU-Kreisverband Anhalt-Bitterfeld wollte am 13. November entscheiden, ob die Christdemokraten Andy Grabner oder Bernhard Böddeker ins Rennen schicken. Die Nominierungsversammlung wurde jedoch verschoben. Die SPD will ihren Kandidaten in Kürze nominieren. Gewählt wird der Landrat am 6. Juni 2021.