Zerbst l Genussmensch und Lebemann, vor allem aber ein gläubiger Christ und Theologe – das war Martin Luther. Jener Augustinermönch, der 1517 in Wittenberg seine 95 Thesen veröffentlichte, mit denen er tiefgreifende Veränderungen der Kirche und Gesellschaft auslöste. Genau heute vor nunmehr 475 Jahren verstarb der Reformator in Eisleben. Anlass, um an seine Besuche in Zerbst zu erinnern. Das findet Agnes-Almuth Griesbach, Historikerin und Leiterin des Museums der Stadt. Noch gemeinsam mit ihrem Mann, dem langjährigen Museumsdirektor und Anfang 2019 verstorbenen Heinz-Jürgen „Frelle“ Friedrich, trug sie die Fakten zusammen.

So predigte Luther vor fast 500 Jahren zum ersten Mal im Augustinerkloster von Zerbst, von dem nur noch einige Teile des Kreuzganges erhalten sind. Heute erhebt sich darüber das Seniorenhaus „Willy Wegener“. Vermutlich sprach er nicht nur vor seinen Glaubensbrüdern, sondern wandte sich danach auf den Marktplatz ebenfalls an die Bürger der Rolandstadt.

Predigten treffen Zerbstern mitten ins Herz

„Dies war der Beginn einer engen Verbindung zwischen Luther und den Zerbstern, trafen doch seine Predigten die Menschen mitten ins Herz“, sagt Agnes-Almuth Griesbach. Schon wenige Tage später predigte Luther erneut in Zerbst und wurde zum Dank vom Rat der Stadt zu einem Festessen im Schützenhaus eingeladen. In der Neuordnung des kirchlichen Lebens der Stadt wurde Luther um Rat und Hilfe gebeten, sei es bei der Besetzung von Pfarrstellen, der Ausgestaltung von Taufe und Abendmahl, Eheschließungen oder der Besoldung der Pfarrer. „Leider ist der umfangreiche Briefwechsel beim Luftangriff auf Zerbst am 16. April 1945 verloren gegangen“, bedauert die Museumsleiterin. „Aber wenige Kämmereirechnungen geben davon Zeugnis, dass Luther unter anderem mit Zerbster Bier bezahlt wurde“, sagt sie.

Doch nicht nur die Zerbster Bürger überzeugte der Reformator mit seinen Ansichten. Fürst Wolfgang von Anhalt, dessen Gruft in der Nähe des Altars in der früheren Hof- und Stiftskirche St. Bartholomäi liegt, war ein besonderer Freund Luthers. Als dessen Leichnam im Februar 1546 von Eisleben nach Wittenberg zu seiner letzten Ruhestätte in die Schlosskirche überführt wurde, begleitete er den Katafalk seines verstorbenen Freundes, der an mehreren Stationen aufgebahrt wurde.

Zerbster Prominenz lässt sich neben Luther ab

1907 schließlich bannte Max Korn (1862-1936) Luthers Empfang durch den Rat der Stadt auf Leinwand. 1,70 mal 2,25 Meter groß ist das Gemälde, das der Dessauer Künstler anlässlich der 900-jährigen Jubelfeier von Zerbst neben weiteren Federzeichnungen zur Geschichte der Stadt anfertigte. Das Bild hing zunächst in der Bartholomäikirche. „In den 1980-er Jahren jedoch schnitten Besucher den Lutherkopf aus dem Bild und es verschwand in der Sakristei“, erzählt Agnes-Almuth Griesbach. Bei der Neugestaltung des Museums am Weinberg konnte das Gemälde restauriert werden. „Seit 2002 ist es nun als Dauerleihgabe in der Ausstellung zu sehen“, bemerkt die Leiterin.

Wie sie schildert, identifizierten sich die Honoratioren der Stadt so sehr mit der Reformation, dass Max Korn sie in die Szene, die sich 1522 abspielte, einfügte. Zu sehen sind da (von vorne im Uhrzeigersinn) zunächst einmal Fritz Kölling, der Inhaber der Zerbster Essenzenfabrik, und Hermann Wäschke, der sowohl Stadtverordneter und Mitglied des Gemeindekirchenrates von St. Bartholomäi als auch Archivrat und Autor zahlreicher Publikationen zur Geschichte Anhalts war.

Im Profil abgebildet ist der Kaufmann Ernst North, neben ihm der Mitinhaber des Bankgeschäftes auf dem Hoheholzmarkt Hermann Krüger. Rechts vom Portal steht der Stadtrat und Stockfabrikant Wilhelm Elster senior. Unterdessen begrüßt Stadtrat Karl Cassierer Martin Luther mit offenen Armen. Dann folgen noch der Kaufmann Heinrich Sitzenstock, der Rentier Klohß und der Baumeister Adolf Otto mit seiner Gattin. Den Reformator selbst stellte der Dessauer Hofschauspieler Anton Kröter dar.