Über Corona

Mit dem Staatsoberhaupt im Dialog

Eine Zerbsterin und sechs weitere Bürger haben mit dem Bundespräsidenten über Corona diskutiert. Ganz offen und nur digital.

Berlin/Zerbst l Es war eine offene Gesprächsrunde, in der die Teilnehmer mit ihren Problemen nicht hinter dem Berg gehalten haben. Es ging natürlich, um die schwierige Zeit während der Corona-Pandemie, um den Lockdown, um Existenzängste, um Benachteiligte, um Hoteliers und Künstler, die zur Untätigkeit verdammt sind und darum, wie das Virus das Leben aller beeinflusst, verändert hat und noch verändern wird.

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier hatte zur „Bürgerlage“ eingeladen - eine regelmäßige, digitale Gesprächsrunde mit sieben Menschen aus dem gesamten Bundesgebiet, darunter die Inhaberin eines Hotels, eine Künstlerin, einen Gastronomen, ein Mann aus Bremen, der sich ehrenamtlich im Sport mit Kindern engagiert und Birgit Brandtscheit, Leiterin der Zerbster Kindertafel.

Mit ihnen sprach er gut 90 Minuten per Videoschalte über ihre persönliche Lage in der Corona-Pandemie. Es war eine Art „Puls fühlen“, wie Steinmeier es nannte: „Was bewegt sie persönlich? Was hat sich für sie verändert und wie gehen sie mit den Herausforderungen der Corona-Pandemie um?“. Und das Staatoberhaupt war interessiert, fragte nach, sprach Mut zu, bat geduldig zu sein und eindringlich um offene und ehrliche Worte. Und die hat er auch bekommen.

Birgit Brandtscheit ist am 1. Oktober vom Bundespräsidenten mit dem Verdienstkreuz am Bande des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland für ihr ehrenamtliches Engagement geehrt worden und jetzt hat die Zerbsterin erneut Gelegenheit mit dem Staatsoberhaupt ins Gespräch zu kommen. Was es mit den Kindern macht, wenn sie in Zeiten der Pandemie die Angebote der Kindertafel nicht mehr nutzen können, welche Angebote es überhaupt gibt und wie die finanzielle Situation der Einrichtung ist, will Steinmeier wissen.

„Bei uns geht es um mehr, als die Kinder und Jugendlichen mit einer warmen Suppe und ein Butterbrot zu versorgen. Wir sind bemüht, den Kindern eine sinnvolle Freizeitbeschäftigung wie Hausaufgabenhilfe, Sport, Schwimmen, Lernen, Umweltaktionen, Exkursionen oder Lese-, Bastel-, Koch- und Backnachmittage sowie Urlaubsfahrten oder Besuche in Zoo, Kino oder Kulturveranstaltungen zu bieten“, sagte Brandtscheit.

Sie verwies auch auf die Regeln, an die sich die Kinder und Jugendlichen zu halten haben, wenn sie die Einrichtung besuchen. „Viele Kinder und Jugendliche brauchen Struktur, einen geregelten Tagesablauf. Beides wird ihnen Zuhause nicht vorgelebt“, machte Brandtscheit deutlich. Und die Kinder und Jugendlichen, die regelmäßig zur Kindertafel kommen, würden die Einrichtung als ein zweites Zuhause betrachten und seien dankbar über die sinnvollen Angebote, wie die Hausaufgabenhilfe.

„Wir haben eine Whatsapp-Gruppe. Täglich fragen meine Schützlinge, wann sie wieder kommen dürfen. Andere stehen weinend vor der Tür und vermissen das gemeinsame Spielen, Kochen und Lesen. Es bricht mir das Herz, sie weg schicken zu müssen“, erläuterte sie dem Staatsoberhaupt.

„Und was die Finanzen angeht, so sieht es momentan nicht gerade rosig aus. Alle Veranstaltungen sind in diesem Jahr ausgefallen, wo wir sonst unter anderem kleine Märkte und Kuchenbasare ausrichten. Mir fehlen diese Einnahmen“, erläutert Brandtscheit. Auch die Spenden seien weniger geworden. „Das Leid im Land wird größer, so spenden die Menschen eher für mehrere Vereine oder Einrichtungen“, so Brandtscheit.

Auch die anderen Frauen und Männer in der Runde quälen Probleme und Sorgen. Eine Hotel-Inhaberin, die keine Einnahmen hat, eine Künsterlerin, die nicht auftreten darf, stattdessen virtuelle Konzerte organisiert, ein Trainer, der seine Kinder nicht trainieren darf, eine Lehrerin, die trotz der schwierigen Situation dafür sorgt, dass die Kinder so gut wie möglich unterrichtet werden.

Der Bundespräsident zeigte sich beeindruckt, wie seine Gesprächspartner versuchen, trotz der Pandemie den Alltag zu stemmen und dennoch zuversichtlich bleiben. „Wir alle hoffen sehr, dass sich mit Zulassung des Impfstoffes und mit Beginn der Impfungen die Lage entspannen wird“, sagte Steinmeier und lud zu einem weiteren Gespräch ein, um zu sehen, wie sich die Lage weiter entwickelt.

„Der Bundespräsident war äußerst interessiert, fragte nach und wollte ehrliche Antworten. Ich empfand die Atmosphäre als sehr offen und weder gestellt, noch gekünstelt“, sagte die Kindertafel-Chefin nach der Gesprächsrunde.