Zerbst | „Ich weiß schon gar nicht mehr, was ich damit machen soll“, sagt Annemarie Lüdicke und deutet auf ein blaues Badehandtuch. Das Handtuch hat die 80-jährige Zerbsterin für ihre Teilnahme am 13. Saaleschwimmen in Halle bekommen, wo sie sich mit rund 270 anderen Schwimmern in die Saale gestürzt hat. Die 1650 Meter durch den Fluss hat die Zerbsterin in knapp 26 Minuten absolviert. „Ich wäre schneller gewesen, aber ich war von Laienschwimmern eingekesselt“, sagt sie lachend. Im Lauf der Jahre hat Annemarie Lüdicke schon mehrfach an diesem Wettbewerb teilgenommen. Wie oft, das weiß sie schon gar nicht mehr. „Neben einer Urkunde gibt es auch immer ein Handtuch – und davon habe ich jetzt schon einige“, sagt sie.

Generell spielt das Schwimmen eine zentrale Rolle in ihrem Leben. Selbst jetzt, mit 80 Jahren, zieht sie noch regelmäßig ihre Bahnen durch Becken, Flüsse und Seen. Im Winter schwimmt sie etwa drei Mal die Woche für je zwei Stunden. Im Sommer versucht sie jeden Tag schwimmen zu gehen. „Aber natürlich auch nicht bei jedem Wetter“, wiegelt sie ab.

Streben nach Verbesserung

Begonnen hat ihre Begeisterung fürs Schwimmen vor etwa 72 Jahren. „Ich habe spät schwimmen gerlent. Ich war schon acht Jahre alt“, sagt Annemarie Lüdicke. In Zerbst erlernt sie das Brustschwimmen und es dauert nicht lange, bis sie die anderen im Wasser hinter sich lässt. Ihr Antrieb ist das Streben nach Verbesserung. „Ich wollte schneller werden – und vor allem schneller sein als die Jungs“, blickt die Zerbsterin lachend zurück.

Mit 17 Jahren zieht sie nach Hamburg und wird dort in verschiedenen Schwimmvereinen aktiv. Schon 1961 nimmt sie an den Studentenmeisterschaften teil. Sie verbessert ihre Schwimmtechnik immer weiter, lernt neue hinzu und gibt ihr Wissen auch an Kinder und Jugendliche weiter.

Fehlender Ehrgeiz

Auch hier in Zerbst trainiert sie junge Schwimmer. Eines der Mädchen habe besonders großes Potenzial, so Lüdicke. „Sie kann schon wirklich gut schwimmen, aber sie hat einfach immer aufgehört. Ich musste sie dann immer drängeln auch weiter zu schwimmen“, sagt Annemarie Lüdicke. In ihrer Stimme schwingt ein vorwurfsvoller Ton mit. Die Profischwimmerin vermisst den Ehrgeiz bei der Jugend. Kinder und Jugendliche bewegen sich heutzutage viel zu wenig, meint die Zerbsterin. „Wenn ich mir manche so anschaue, dann denke ich mir, dass die sich schon wie alte Opas bewegen.“

Lüdicke hingegen bewegt sich schon seit mehreren Jahrzehnten. Nie hat sie mit dem Schwimmen aufgehört. Der Gedanke kam ihr auch noch nie. „Man darf auch nicht aufhören. Solange man in Bewegung ist, bleibt man fit“, sagt sie.

Ohne Konkurrenz

Doch es gibt auch ein Manko daran, mit 80 Jahren noch wie ein Fisch im Wasser zu schwimmen. In vielen Fällen ist Annemarie Lüdicke nämlich schlichtweg ohne Konkurrenz. Und das fehlt ihr, sagt sie. „Ich habe mich immer gerne mit anderen gemessen. Das ist auch immer ein großer Ansporn für mich gewesen“, sagt die Schwimmerin.

Nach so vielen Jahren in diesem Sport ist es auch nicht verwunderlich, dass die Zerbsterin mittlerweile zahlreiche Urkunden und Medaillen gewonnen hat. Nicht zuletzt 2015 bei der Schwimmmeisterschaft im russischen Kazan, wo der damals 75-Jährigen in ihrer Altersklasse der Sieg über 3000-Meter-Freiwasser gelang. Zwei Silbermedaillen (200 Meter Brust und 400 Meter Lagen) und einmal Bronze (100 Meter Brust) gab es noch obendrauf.

Für Annemaire Lüdicke steht fest: Sie wird weiterhin schwimmen. Und in Zerbst kann man sich sicher sein, dass sie im nächsten Jahr ein weiteres Handtuch aus Halle mitbringt.