Zerbst l Als Landwirt Jan de Vries am Donnerstagmorgen seine Runde dreht, findet er nur wenige Meter von den Stallungen entfernt ein totes Schaf – ein Mutterschaft. Ein Vorderlauf fehlt und das Tier ist halb ausgeweidet. Dann stellt er fest, dass auch die zwei dazugehörigen, vier Wochen alten Lämmer fehlen.

Proben aus der Bisswunde

Jonas Döhring, Wolfsbeauftragter der Zerbster Jägerschaft nimmt das gerissene Schaft in Augenschein. „Hier ist der wolfstypische Kehlbiss“, deutet Döhring auf die Löcher im Hals des toten Tieres. Dann nimmt Jonas Döhring Proben aus der Bisswunde zur DNA-Bestimmung. „Die werde ich jetzt an das Wolfskompetenzzentrum Iden (WZI) schicken“, sagt Döhring.

„Insgesamt sind nun fünf Schafe und zwei Lämmer auf meinem Hof Opfer des Wolfs geworden“, sagt Jan des Vries. Die beiden Male zuvor waren die Tiere ausgebüchst, befanden sich aber immer noch im eingezäunten und sicheren Bereich des Hofes.

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Regelmäßig unterwegs?

„Das bedeutet, dass Isegrim hier regelmäßig des Nachts auf der Suche nach leichter Beute vorbei schaut“, ist sich der Landwirt sicher. Und dabei schleiche das Raubtier nicht nur um den Hof herum, „sondern der Wolf erkundet die Lage auch direkt auf dem Hof“, so de Vries. Beim jüngsten Wolfsriss auf dem Ziegenhof vor einigen Monaten kommt ein Tierpfleger gerade dazu, als ein Wolf gerade in die Kehle eines Schafs beißen will. Er brüllt, das Tier lässt vom Schaf ab und springt fast aus dem Stand über den einen Meter hohen Zaun und verschwindet, erzählt de Vries.

„Sicherheitsmaßnahmen, wie beispielsweise Zäune, interessieren den Wolf heute nicht mehr, wir haben jetzt moderne Wölfe“, sagt der Landwirt nicht ohne Sarkasmus. Weil das Raubtier nicht mehr bejagt werde, verlören die Wölfe die Scheu vor dem Menschen, so sein Eindruck. „Und da beginnen dann die Probleme“, ärgert sich de Vries.

Jan de Vries stellt auch keine Anträge auf Entschädigung mehr. Der bürokratische Aufwand sei ihm inzwischen viel groß. „Wenn die Gutachter zu dem Schluss kommen, dass ich alle Schutzmaßnahmen erfüllt habe, bekomme ich vielleicht 50 Euro“, erläutert der Landwirt. Doch dafür müssten die Gutachter erst einmal zwei Stunden von Iden, dem Sitz des Wolfskompetenzzentrums, herfahren. „Und ich muss mir dann weitere zwei Stunden anhören, was ich richtig und was ich falsch gemacht habe“, so Jan de Vries. Das empfinde der Landwirt als Steuerverschwendung, von der niemand etwas habe. „Jan geht den zweiten Weg über uns, die Jägerschaft, um Proben entnehmen und einschicken zu lassen“, sagt Döhring. Jede Begutachtung eines Wolfsrisses verursache Kosten in Höhe von etwa 500 Euro.

Kontrollen gefordert

„Der Wolf ist jetzt da und das in großer Zahl. Da ist Monitoring die falsche Richtung. Richtig wäre jetzt die Population zu kontrollieren. Und alle Wölfe, die zu nah an die Höfe, Herden und Wohnbebauung kommen, sollten eliminiert werden“, meint der Landwirt. Da blieben dann noch reichlich Wölfe übrig. In der Natur heißt es, der Stärkste überlebt. „Wir wollen den Wolf in der Natur haben, dann muss er auch in der Lage sein, sich dort seine Nahrung zu suchen und nicht in die Höfe und Siedlungen gehen“, macht de Vries deutlich.

„Hier kommt alles zusammen, die Nähe zur Siedlung und dass der Wolf trotz des hohen Wildbestands nicht in der Lage ist, seine Beute in der Natur zu reißen“, ergänzt Jonas Döhring. Man gewinne immer mehr den Eindruck, das der Wolf seine Scheu verloren habe. Hier müsse unbedingt eine Diskussion über einen Akzeptanzbestand der Wölfe geführt werden, „ansonsten werden die Konflikte rund um den Wolf immer größer“, ist sich Döhring sicher.

Erst Ende Februar haben vermutlich mehrere Wölfe ein Reh nahe der Zerbster Mozartstraße gerissen. Mitte Februar wird ein Wolf auf der B 184 in der Nähe von Jütrichau angefahren. Anfang Dezember vorigen Jahres ist der Wolf in der Nähe der Lepser Straße und den Sandenden unterwegs. Auch hier reißt er ein Reh. Im Oktober trifft es einen Streetzer Schäfer gleich zwei Mal in nur 14 Tagen. Insgesamt 20 seiner Schafe fallen dem Raubtier zum Opfer. Hier ist sogar mittel Videoüberwachung dokumentiert, wie der Wolf aus dem Stand einen 90 Zentimeter hohen Elektrozaun einfach überspringt. Anfang Oktober reißt ein Wolf bei Breitenhagen ein Schaf und zwei Ziegen eines Wanderschäfers. Dies sind nur einige Beispiele der letzten Monate.