Berlin (dpa) - Fünf Jahre sind seit dem Tod von David Bowie (1947-2016) vergangen. Über die Legendenbildung rund um den "Starman" und weiterhin unbekannte Aspekte seiner Karriere als einer der einflussreichsten Künstler des 20. Jahrhunderts hat die Deutsche Presse-Agentur mit Tobias Rüther (47) gesprochen.

Er ist Autor des mehrfach aufgelegten Buchs "Helden. David Bowie und Berlin" und gilt als einer der führenden Bowie-Experten in Deutschland.

Frage: David Bowie starb am 10. Januar 2016 - nur zwei Tage nach seinem 69. Geburtstag und der Veröffentlichung des neuen Studioalbums "Blackstar". Welche Bedeutung hat dieses letzte Kapitel für unseren Rückblick auf einen Jahrhundertmusiker und rätselhaften Menschen?

Antwort: "Dass zwischen dieser letzte Platte und seinem Tod nur Tage lagen, hat den Schock und die Trauer noch einmal vergrößert und den Blick auf Bowie sicher milder und wärmer gemacht. Ich fand die Vorstellung, er habe seinen Tod 'inszeniert', aber immer grotesk - nach allem, was man weiß, hat er bis zuletzt darauf gehofft, weiter arbeiten zu können. Aber man erkennt auch daran die Projektionsfläche, die er war. Und wie sehr man ihn offenbar als Überfigur braucht - auch wenn Bowie diese Rolle selbst vermutlich schon seit ungefähr 1983 gar nicht mehr interessiert hat."

Frage: Welchen Erkenntniswert liefern neuere Bowie-Biografien von Marc Spitz und von Dylan Jones? Werden kritische Bereiche wie Bowies zeitweilige Hitler-Faszination oder sein gieriges Verhältnis zu "Groupies" in den 70ern inzwischen ausreichend beleuchtet - oder zu sehr ausgeblendet, wie manche Kritiker bemängeln?

Antwort: "Beides muss dringend weiter aufgearbeitet werden, und beides ist noch gar nicht genug geschehen. Es wäre interessant, Bowies Sonderbewusstsein und den Wunsch nach populistischer Führung Großbritanniens um 1975, 1976 herum im Lichte des Brexits anzuschauen. Dass man das Verhalten männlicher Rockstars wie Bowie gegenüber Groupies immer noch als Kavaliersdelikt betrachtet, finde ich grauenhaft."

Frage: Welche Zeitgenossen beeinflussen die aktuelle Bowie-Rezeption? Da fällt natürlich der Produzent Tony Visconti ein, der manchmal interessant, manchmal launig, manchmal verklärend über seinen toten Freund erzählt.

Antwort: "Ab und an melden sich jetzt Prominente und erzählen Anekdoten. Aber ob das die Rezeption prägt, und ob es diese Rezeption tatsächlich gibt und sie sich dann auch noch verändert? Ich weiß nicht. Mir fällt vielmehr auf, dass sich die Historisierung Bowies Format um Format vervielfältigt. Aktuell erscheinen vor allem Graphic Novels und suchen nach neuen Bildern für eine alte Ikonografie."

Frage: Wie beurteilen Sie Bowies künstlerisches Erbe im aktuellen Pop? Gibt es heute überhaupt noch die Chance, ein "Über-Künstler", ein Popkultur-Gesamtkunstwerk zu werden wie Bowie?

Antwort: "Ich sehe dank digitaler Innovation eigentlich jede Menge irre interessanter Künstlerinnen und Künstler, die ihren Mitteilungsdrang auf immer neuen Kanälen inszenieren. Bowie war ein großer Songwriter, ja, aber er war ja vor allem an Medien, Image und Bildproduktion interessiert. Vielleicht muss man sich eher an den Gedanken gewöhnen, dass Bowie heute einer von vielen Bowies wäre."

Frage: Welche Überraschungen sind - sagen wir mal - bis zum zehnten Bowie-Todestag 2026 zu erwarten? Wird es noch unbekannte Aufnahmen aus Archiven geben - etwa letzte Stücke aus den "Blackstar"-Sessions?

Antwort: "Das kann nur beantworten, wer seinen Nachlass verwaltet - leider."

ZUR PERSON: Tobias Rüther (47) ist Leiter des Literatur-Ressorts im Feuilleton der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung", bei der er seit 2010 tätig ist. Er studierte zuvor Neuere Deutsche Literatur in Berlin und St. Louis/USA. Nach dem Besuch der Henri-Nannen-Schule arbeitete er für die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" und war Textchef beim Kunstmagazin "Monopol".

Rüther ist unter anderem Autor des mehrfach aufgelegten Buchs "Helden. David Bowie und Berlin" und gilt als einer der führenden Bowie-Experten in Deutschland.

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