Von Ann-Dorit Boy

Auch wenn sein Name kaum deutscher klingen könnte: August Kruse, Erzbischof der evangelisch-lutherischen Kirche in Russland, der Ukraine, Kasachstan und Mittelasien, fühlt sich als Russe durch und durch. Der an der Wolga geborene 69-Jährige ist der erste Russlanddeutsche mit russischem Pass, der die Kirche leitet, seitdem sie 1988 neu gegründet wurde.

Bisher hatten deutsche Theologen ausgeholfen. Kruse, der als Nachfolger von Edmund Ratz sein Amt vor einem Jahr antrat, vertritt die brüderschaftlich-pietistische Strömung unter den Lutheranern. Daneben gibt es auch konfessionalistische und liberale Gruppierungen.

Kruse will die Kirche endlich vom "deutschen Diktat" befreien, wie er sagt. Die Lutheraner in den ehemaligen Sowjetrepubliken sind auf finanzielle und personelle Hilfe der evangelischen Kirchen in Deutschland angewiesen. Es waren deutsche Auswanderer, die im 16. Jahrhundert den lutherischen Glauben ins orthodoxe Zarenreich brachten. Zuletzt lockte Zarin Katharina die Große deutsche Bauern mit der Aussicht auf fruchtbares Land und Religionsfreiheit in den Osten.

Wie alle anderen Gläubigen wurden die Lutheraner unter Stalin enteignet, die Pastoren erschossen. Heimliche Gebetskreise existierten trotzdem während der gesamten Sowjetzeit. Nach dem Zerfall der Sowjetunion gründeten sich neue lutherische Regionalkirchen in den Republiken. Die alten Kirchengebäude wurden ihnen größtenteils zurückgegeben. Heute hat die Kirche nach offiziellen Angaben 16.000 Mitglieder, Erzbischof Kruse hält diese Zahlen jedoch für weit übertrieben.

Da es anfangs an eigenen Pastoren fehlte, schickten deutsche Landeskirchen Prediger, meist solche, die im Ruhestand noch eine Aufgabe suchten, manchmal auch junge Pfarrer. Noch heute kommen viele Pfarrer in der lutherischen Kirche aus Deutschland, auch in der Ukraine sind Deutsche im Einsatz, um einheimischen Theologennachwuchs auszubilden.

Gerade darin sieht Erzbischof Kruse ein Problem: "Die Deutschen haben uns einerseits beim Wiederaufbau unserer Kirche geholfen, andererseits haben sie die alte russische evangelisch-lutherische Kirche zerstört", beklagt er.

Im Pfarramt sind Frauen unüblich

Das größte Problem sieht Kruse in der Frauenordination. Viele Gemeindemitglieder hätten sich wegen der Pfarrerinnen von der Kirche abgewandt. In Russland seien Frauen im Pfarramt unüblich, argumentiert Kruse. Auch dass Frauen in Hosen und ohne Kopftuch die Kirche betreten, stört den Konservativen. Seiner Ansicht nach hat die liberale Haltung seiner Amtsvorgänger in der Vergangenheit das Verhältnis zur russisch-orthodoxen Kirche erschwert. Bei einem Treffen mit Metropolit Hilarion, Leiter des Außenamtes beim Moskauer Patriarchat, habe dieser ihn gefragt, welchen Weg die Lutheraner einschlagen wollten, den traditionellen oder einen liberalen. "Als Russe habe ich geantwortet, dass wir einen traditionellen Weg gehen wollen", betont Kruse.

Auf die finanzielle Hilfe aus Deutschland will er auch künftig nicht verzichten. Seine Gemeinden leben sonst einzig von Spenden aus dem Klingelbeutel und der Vermietung einiger weniger kircheneigener Immobilien. Kruse selbst erhält kein Gehalt, er lebt von der kleinen Rente, die er während 28 Arbeitsjahren in einem Aluminiumwerk erworben hat. Lediglich die Fahrten in seinem riesigen Zuständigkeitsbereich werden ihm bezahlt. Anstelle der deutschen Auslandspastoren hätte der Erzbischof lieber ein eigenes Budget von den Deutschen, mit dem er russische Prediger bezahlen könnte. "Für das Geld, das die Deutschen einem Pastor zahlen, den sie uns schicken, könnte ich vier russische Prediger füttern", rechnet Kruse vor.

Auch benötige man keine theologische Entwicklungshilfe, betont der Erzbischof. "Unsere Theologie hat die Stalinzeit überstanden, uns braucht niemand beizubringen, wie man glaubt." Die Deutschen kämen mit der Vorstellung nach Russland, sie müssten einem Bären beibringen, auf den Hinterbeinen zu stehen. An diesem Wochenende wollen die evangelisch-lutherischen Regionalkirchen von Russland, der Ukraine, Kasachstan, Kirgistan und Georgien in St. Petersburg einen neuen Unionsvertrag unterschreiben. Offen ist noch, ob August Kruse damit – wie in der bisherigen Verfassung – automatisch zum Oberhaupt aller Teilkirchen wird. (epd)