Ein Denkmal sucht man noch vergebens im Geburtsort des "Arabischen Frühlings". Sidi Bouzid heißt der Ort, an dem vor einem Jahr eine neue Epoche eingeläutet wurde. Es ist ein staubiges Kaff im zentraltunesischen Oliven- und Gemüseanbaugebiet. An den weiß getünchten Gebäudewänden stehen aufgesprühte Revolutionssprüche in Englisch, Arabisch und Französisch. "Dort ist es gewesen", sagt Issam Affi vor einem Verwaltungsgebäude an der Hauptstraße. Er deutet auf den Boden - hier hat sich vor einem Jahr der arbeitslose Gemüsehändler Mohammed Bouazizi aus Verzweiflung über Behördenwillkür in Brand gesteckt.

Empörung brach sich Bahn, die sich schnell über die Internet-Medien verbreitete und in der Region aufgegriffen wurde. Sie löste einen Flächenbrand in der arabischen Welt aus, der autoritäre Regime in Tunis, aber auch in Kairo und Tripolis hinwegfegte.

In roter Farbe hat jemand Sidi Bouzids Hauptstraße in "Mohammed Bouazizi Street" umbenannt. Während in der französischen Hauptstadt Paris mittlerweile ein Platz nach Bouazizi benannt wurde, hat man hier andere Sorgen.

Zwei junge Arbeitslose befinden sich seit Tagen im Hungerstreik vor dem Gebäude, an dem die Verzweiflungstat vor einem Jahr ein neues arabisches Selbstbewusstsein hervorgebracht hat.

Verblichene Diplome von gut ausgebildeten, aber weiterhin arbeitslosen jungen Tunesiern hängen wie Anklageschriften an der Wand. Auf 14000 wird die Zahl der arbeitslosen jungen Akademiker hier geschätzt.

"Nichts hat sich geändert", sagt der Farmer und Aktivist Issam Affi (30) heute mit leichter Resignation in der Stimme. "Wir werden den Jahrestag feiern, zugleich aber auch zeigen, dass hier vieles beim Alten geblieben ist", meint er mit Blick auf die ab dem 17. Dezember geplanten dreitägigen Feiern mit Musik, Tanz und Poesie-Wettbewerben.

Affi ist einer der jungen Leute, die sich vor einem Jahr noch dem brutalen Sicherheitsapparat von Diktator Ben Ali bei tagelangen Demonstrationen entgegengestellt hat. Fliegerjacke, coole Sonnenbrille auf der Nase und zudem entpuppt sich Affi als Experte in der Welt der sozialen Medien. Über Facebook und Twitter hat er Videos und Fotos der örtlichen Demonstrationen ins Internet gestellt und so die Welt erst aufmerksam gemacht.

Die "Karama" - die Würde - der tunesischen Jugend habe er wiederherstellen wollen, meint Affi rückschauend. Durch ein korruptes, repressives Regime sei ihr Potenzial unterdrückt worden. Als der verhasste Langzeit-Diktator Zine El Abidine Ben Ali am 14. Januar dann Hals über Kopf aus dem Land floh, setzte die Hoffnung auf Änderung auch bei den Jugendlichen von Sidi Bouzid ein. Doch Jobs sind auch heute noch Mangelware in einer Gegend, in der es vor allem Olivenhaine und Marmor-Steinbrüche gibt.

Fünf ausländische Investmentprojekte zeichneten sich direkt nach der Revolution ab - sie lassen immer noch auf sich warten. Das kleine nordafrikanische Land braucht dringend Investitionen - allein in den ersten neun Monaten knickten sie gegenüber dem Vorjahr um fast ein Drittel ein. "Uns wurde erklärt, dass Investoren jetzt etwas nervös sind", meint Souad Guesmi von der regionalen Entwicklungsbehörde.

Daran hat auch der Wahlsieg der Islamisten nicht viel geändert, die in Tunesien wie auch anderen arabischen Ländern das entstandene Machtvakuum zu füllen suchen.

Die mit großer Mehrheit gewählte moderate islamistische Ennandha-Partei hat bisher versprochen, einen gemäßigten Islam als Grundlage des neuen Tunesiens zu machen. In der Hauptstadt Tunis gibt es bereits die ersten Machtspiele zwischen "Modernisten" und Anhängern eines radikalen Islam, die sich bei Demonstrationen vor dem Parlament gegenüberstanden.

Auf eine neue Regierung warten die Tunesier allerdings noch immer vergeblich. Aber immerhin haben die Tunesier ein Jahr später mit Moncef Marzouki einen neuen Präsidenten. Der frühere Menschenrechtler wurde am Montag von der verfassungsgebenden Versammlung in Tunis gewählt. (dpa)

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