Oberbürgermeisterin Pia Findeiß ist eine zupackende Frau. Kürzlich empörte sich eine Leserbrief-Schreiberin in der örtlichen Presse, dass sich die Stadt über ihr negatives Image als Rechtsextremismus-Hochburg nicht zu wundern brauche, mache sie doch viel zu wenig für Kinder und Jugendliche. Als Findeiß das zu lesen bekam, fackelte sie nicht lange: Ihr Sekretariat meldete sich telefonisch bei der Frau, nun werden sich beide zum Termin in ihrem Büro treffen.

Findeiß fühlt sich gewappnet, es ist ihr Metier. Die Sozialdemokratin, die von der in Sachsen seit 2004 im Landtag sitzenden NPD schon einmal das Attribut "Hetzerin gegen Rechts" verliehen bekam, wurde vor drei Jahren Zwickauer Rathauschefin. Davor war sie Sozialbürgermeisterin. Die 55-Jährige erinnert an die Schulsozialarbeit und das Bündnis für Demokratie und Toleranz. An die Streetworker. Das Baby-Begrüßungsgeld von 100 Euro pro Neuankömmling erwähnt sie gar nicht, so selbstverständlich ist das inzwischen.

Aber diese sozialen Pluspunkte der mit rund 93000 Einwohnern viertgrößten Stadt in Sachsen interessieren momentan nicht. Seit dem 4. November ist alles anders: An diesem Tag ist eine Doppelhaushälfte in der Frühlingsstraße explodiert. Nach und nach verdichteten sich schließlich die Hinweise darauf, dass es sich dabei um das Versteck jahrelang mordender Rechtsterroristen handelte. Im Schutt wurden dafür Beweise gefunden - Klamotten, Waffen, Bekenner-DVD.

Offenbar zehn Jahre lang fand der Nationalsozialistische Untergrund (NSU) in wechselnden Zwickauer Wohnungen Unterschlupf, davor lebte die Gruppe wohl auch in Chemnitz. Das Trio Beate Zschäpe, Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos stammt eigentlich aus Thüringen. Aber alle sprechen von der Zwickauer Zelle. "Da mache ich den Medien überhaupt keinen Vorwurf. Man muss das Geschehen ja auch örtlich einordnen. In Zwickau haben die Täter nun mal lange gewohnt", sagt Findeiß.

Was nichts daran ändert, dass sich der Fall "enorm zum Nachteil für das Image der Stadt auswirkt". Findeiß macht keinen Hehl daraus, dass sie sich dabei durch das Land Sachsen im Stich gelassen fühlt. "In Thüringen erlebe ich, dass sich dort ein ganzer Freistaat engagiert gegen Rechtsextremismus, angefangen von der Ministerpräsidentin. Dort habe ich das Gefühl, alle stehen zusammen", fügt sie hinzu. Mit einer Anzeigenkampagne hatte sich das Nachbarland auch in überregionalen Blättern gegen den Ruf als braunes Land gewehrt - unter dem Titel "Gesicht zeigen - Thüringen gegen Nazis".

Ob Zwickau 2012 mit sächsischer Hilfe eine ähnliche Kampagne lostreten kann, ist bislang unklar. Ein Nein habe sie jedenfalls noch nicht gehört, als sie in Dresden vorfühlte, sagt Findeiß. "Zwickau hat ein rechtes Problem, wie jede Stadt in Ost und West in vergleichbarer Größe auch." Das Grundstück Frühlingsstraße 26 hat die Stadt über ihre Wohnungsgesellschaft den Privateigentümern abgekauft - um das Gebäude 2012 endgültig abzureißen. Die bisher hinter dem Haus liegende Park-Anlage wird ausgebaut. Wo einst Neonazis perfide Pläne schmiedeten, sollen dann Bäume und Sträucher stehen. (dpa)