Wirtschaftssanktionen, UN-Beobachter und diplomatische Ächtung haben das syrische Regime bislang nicht von seinem gewalttätigen Kurs abbringen können. Und die jüngsten Drohungen einzelner Politiker mit militärischer Gewalt sind nicht glaubwürdig genug, um den Clan von Präsident Baschar al-Assad ernsthaft einzuschüchtern.

Unter den Revolutionären der ersten Stunde wächst die Verzweiflung. Entsetzt beobachten sie, wie ihre friedliche Demokratiebewegung Schritt für Schritt zu einem brutalen Kampf zwischen den Regimetruppen und weitgehend unkontrolliert operierenden Brigaden mutiert. Die Angst vor einer "Afghanistanisierung Syriens" geht um.

Ein Exil-Aktivist, der schon vor Beginn der Proteste in Damaskus und Daraa im März 2011 Menschenrechtsverletzungen des Regimes dokumentiert hatte, ist tief frustriert. Der Oppositionelle, der seinen Namen nicht veröffentlicht sehen will, betont zwar, die meisten Gräueltaten würden nach wie vor von den Truppen und Milizen des Regimes verübt. Doch er sagt, nach den Artillerie-Attacken und Massakern der vergangenen Monate habe in den Reihen der Regimegegner die Zahl der Kämpfer, die keinen Respekt vor Menschenrechten haben, zugenommen.

Der Aktivist erklärt: "Mir sind Fälle bekannt, wo Gefangene von sogenannten islamischen Militärgerichten verurteilt und dann hingerichtet wurden. Wenn uns der Westen nicht hilft, dann wird Syrien werden wie Afghanistan."

War in den Berichten der Regimegegner anfangs noch ausschließlich von Deserteuren die Rede, so liest man dort inzwischen häufiger von Gefechten zwischen den Regierungstruppen und "bewaffneten Brigaden der Opposition". In einem Forum der Opposition wurde jüngst über die Ankunft von Kämpfern aus Libyen berichtet. Auf einem Video, das angeblich Deserteure in der Provinz Idlib zeigt, sind auch mehrere Kämpfer zu sehen, die überhaupt nicht aussehen wie desertierte Soldaten.

In einem Interview, das diese Woche von Regimegegnern im Internet veröffentlicht wurde, kommt ein Mann zu Wort, der sich als desertierter Oberst zu erkennen gibt. Er sagt, 75 Prozent der Provinz Homs seien inzwischen unter der Kontrolle der Brigaden der Regimegegner. Einschränkend ergänzt er: "Das heißt, dass wir das Gebiet nur so lange kontrollieren, wie die Regierungstruppen nicht mit Panzern oder mit der Luftwaffe angreifen."

Er berichtet über Waffenlieferungen und Versprechen wohlmeinender "Spender" aus Saudi-Arabien und anderen Staaten: "Wir haben bisher aber hauptsächlich Panzerfäuste und normale Handfeuerwaffen, keine Waffen, die man gegen Panzer einsetzen kann." In seiner Einheit kämpften 100 Soldaten und "50 Zivilisten, die einsatzbereit sind, sobald wir genügend Waffen geliefert bekommen".

Auf die Frage, welche Strategie er im Kampf gegen die "Banden von Assad" anwende, sagt er: "In der Armee hat man uns die Strategie der Russen aus dem Zweiten Weltkrieg beigebracht, aber das taugt hier nicht, wir haben uns im Internet und auf anderen Wegen über die Ermüdungstaktik informiert, wie sie (von den Gegnern der Russen) in Tschetschenien und Afghanistan angewandt wurde." (dpa)