Von Horst Rehberger

Für den technologiefeindlichen Zeitgeist brachte 2012 einen neuen Höhepunkt. Länder wie Baden-Württemberg und Nordrhein-Westfalen sind dem "Europäischen Netzwerk gentechnikfreier Regionen" beigetreten.

Der Vorgang ist bemerkenswert. Diese Bundesländer stellen sich massiv gegen die Wissenschaft. Alle Wissenschaftsorganisationen, von der Deutschen Akademie der Naturforscher Leopoldina über die Fraunhofer-Gesellschaft bis zur Leibniz-Gemeinschaft, sprechen sich für die Nutzung der Grünen Gentechnik aus.

Ängste werden geschürt

Die aus Magdeburg stammende Nobelpreisträgerin Christiane Nüsslein-Volhard betont, dass die Anwendung der Gentechnik in der Pflanzenzüchtung ein noch unausgeschöpftes Potential für den ökologischen Landbau, für verbesserten Umweltschutz und die Erhaltung der Artenvielfalt biete. Deutschland exportiere hervorragend ausgebildete Forscher statt hoch entwickelte Saatgüter und innovative Agrartechnologien. Und mancher Landesregierung fällt wohl nichts Besseres ein als eine Kampagne gegen die Grüne Gentechnik. Statt über den Stand der Wissenschaft aufzuklären, schürt man Ängste.

Offenbar setzt Sachsen-Anhalt demgegenüber auf Vernunft und technologischen Fortschritt. Das hat Tradition. Hier stand die Wiege der deutschen Pflanzenzucht. Hier befindet sich mit dem IPK Gatersleben ein hoch geschätztes Zentrum moderner Pflanzenzucht. Und hier findet man einen Landwirtschaftsminister, der sich zur Grünen Gentechnik bekennt.

Ein Plädoyer für die Grüne Gentechnik kam jetzt vom Präsidenten der Päpstlichen Akademie der Wissenschaften, Werner Arber. Der Nobelpreisträger erklärte, dass "kürzlich eingeführte Methoden zur Herstellung genetisch veränderter Organismen den Naturgesetzen der biologischen Evolution folgen und keine Gefahren bergen, die in der Methode der Gentechnik verankert sind." Arber widerlegt damit den Irrtum von Gentechnikgegnern, es gebe in der Natur keinen artübergreifenden Gentransfer. Bis zu zehn Prozent der Gene heutiger Arten stammen von anderen Arten. Diesem Transfer folgten häufig große Entwicklungssprünge.

Wer "Gentechnikfreie Regionen" proklamiert, ist nicht nur wissenschaftsfeindlich. Vielmehr führt er die Verbraucher in die Irre. Rund 80 Prozent aller Lebensmittel des täglichen Bedarfs wie Backwaren, Milch und Fleisch sind mit Gentechnik in Berührung gekommen.

Mehr auf Wissenschaft hören

Würden alle mit Gentechnik in Berührung gekommenen Lebensmittel aus den Regalen verbannt, gäbe es eine Hungersnot. Dies weiß auch das Netzwerk. Bei einer Konferenz gab es kürzlich heftigen Streit zwischen einer Minderheit, die eine Kennzeichnung aller mit Gentechnik in Berührung gekommenen Lebensmittel fordert (dies wäre immerhin konsequent!), und der Mehrheit, die dies ablehnt. Begründung: Dann könnten die "gentechnikkritischen Verbraucher resigniert aufgeben".

Lieber weiter Illusionen über die angebliche Gentechnik-Freiheit der Lebensmittel verbreiten und Ängste schüren, um daraus politisches Kapital zu schlagen. Eine tolle Strategie, für die man sich da entschieden hat. Wäre es nicht klüger, wie Sachsen-Anhalt mehr auf die Wissenschaft zu hören und statt auf Ängste lieber auf ehrliche Information zu setzen?

Der Autor war von Mai 2002 bis April 2006 Minister für Wirtschaft und Arbeit in Sachsen-Anhalt