Stürzt die Konjunktur ab, wagt sich kaum ein Neuling aufs glatte Parkett. Doch im Boom sieht das anders aus: Experten sehen mehrere Kandidaten für Börsengänge in den nächsten Monaten. Dass die Neuemissionen erfolgreich werden, kann aber niemand garantieren.

Frankfurt/Main (dpa). Die Vorzeichen für Börsengänge werden wieder freundlicher. Für das neue Jahr werden gleich mehrere Kandidaten gehandelt: Namen wie Hapag Lloyd und Kabel BW stehen im Raum, der Wäscheproduzent Schiesser steht offiziell in den Startlöchern. Trotz zuletzt steigender Kurse bleibe der Aktienmarkt aber schwankungsanfällig, warnen Experten.

"Der Markt sieht positiver aus als vor einem Jahr", sagt Carsten Stäcker, Leiter der IPO-Beratung beim Finanzinstitut MainFirst. IPO steht für Initial Public Offering, übersetzt Aktienerstemission. Und auch Johannes Borsche, bei der Investmentbank Morgan Stanley verantwortlich für den Bereich "Capital Markets Execution" und damit für Börsengänge, ist zuversichtlich: "Es gibt mehrere Unternehmen, die in den Startlöchern stehen. Bis Ostern könnte der Markt drei oder vier Börsengänge sehen."

Aus mehreren Gründen räumen die Experten insbesondere dem deutschen Markt gute Chancen ein. Da wäre zunächst die wieder anziehende Wirtschaft, die sich zuletzt in guten Unternehmenszahlen widerspiegelte: Sie hob auch die Stimmung an der Börse. Der deutsche Leitindex DAX verzeichnet seit dem Sommer deutliche Zuwächse und hat sich längst auf Vorkrisenniveau hochgearbeitet. In den vergangenen Wochen nahmen die Schwankungen zwar wieder zu, jedoch auf hohem Kursniveau.

Besonders gut machten sich die Börsenneulinge, was die Chancen für neue Kandidaten ebenfalls erhöhen könnte. So haben der Kabelnetzbetreiber Kabel Deutschland und der Chemikalienhändler Brenntag seit ihren Debüts im Frühjahr besser abgeschnitten als ihr Vergleichsindex, das Mittelwertebarometer MDAX, das seit Jahresbeginn um fast 25 Prozent nach oben kletterte.

Außerdem verweist Börsengang-Berater Stäcker auf zunehmende Geldflüsse nach Deutschland: "Es kommt viel Geld ins System, und das sucht sich seinen Weg zu attraktiven Anlagen. Deutschland hat unter den entwickelten Märkten einen guten Stand", sagt er. Da Anleiherenditen wenig Potenzial böten, schauten institutionelle Investoren wieder mehr auf Aktien. Dort stünden zunächst Schwellenländer – dazu zählen Länder wie China und Indien sowie osteuropäische Staaten – hoch im Kurs. Unter den entwickelten Märkten spiele Deutschland eine immer größere Rolle – unter anderem aufgrund seiner stabilen Konjunktur.

Doch ein gutes Marktumfeld ist nicht automatisch ein Garant für einen erfolgreichen Börsengang. Gut laufende Börsengänge besserten zwar die Stimmung. "Aber den Erfolg des einen kann man nicht einfach auf den nächsten übertragen", sagt Stäcker. Der Markt betrachte die Börsenkandidaten differenziert, was sich auch in der Statistik widerspiegele: Noch nie sei dem weltweiten Kapitalmarkt durch abgesagte Börsengänge ein so hohes Emissionsvolumen entgangen wie in den ersten neun Monaten diesen Jahres. Gleichzeitig sei der Oktober ein Rekordmonat für Neuemissionen gewesen: "Das zeigt, wie sensitiv und fragil der Markt ist", betont Stäcker.

Für 2011 hält der Experte in Deutschland zehn bis 15 Börsengänge im dreistelligen Millionen-Euro-Bereich für vorstellbar. Allgemein wird erwartet, dass es vorwiegend Beteiligungsgesellschaften sind, die ihre Kandidaten ins Rennen schicken. Dazu könnten einige Mittelständler kommen. Eine Prognose sei mit Blick auf die äußeren Faktoren aber schwierig. Die Unternehmen müssten sich gut vorbereiten, um bei starken Marktschwankungen flexibel reagieren zu können.

Sind Unternehmenskäufe wieder leichter zu finanzieren, werden auch Weiterverkäufe verstärkt zu einer Alternative zu Börsengängen, wie Stäcker betont. Ein Beispiel ist der Textildiscounter Takko: Medienberichten zufolge will Finanzinvestor Advent das Unternehmen noch vor Weihnachten verkaufen. Ein Börsengang wurde dem Vernehmen nach auch geprüft – dieser würde aber auf die Schnelle nicht so viel Geld bringen.