Das Glaswerk Nordost in Osterburg (Landkreis Stendal) will sich strategisch neu aufstellen und vom Massen- zum Spezialhersteller wandeln. Konkret ins Auge gefasst hat das Unternehmen den Ausbau der Produktpalette bei Sicherheits- und Solarglas. "Wir wollen Marktführer in der Nische werden", gibt Geschäftsführer Enno Kecker im Volksstimme-Gespräch das Ziel vor.

Osterburg. Die Konjunkturpakete der Bundesregierung zur Abmilderung der Folgen der Wirtschafts- und Finanzkrise sorgen derzeit im Nordost-Glaswerk im altmärkischen Osterburg für zufriedene Gesichter. Beflügelt von Aufträgen aus der mit der Sanierung und Modernisierung etwa von Schulen und Kindergärten gut beschäftigten Handwerkerschaft berichtet Geschäftsführer Enno Kecker von einem sowohl bei Umsatz als auch Ertrag "hervorragenden Geschäftsjahr 2010", in dem man in der Spitze jedem dritten Auftrag nicht habe nachkommen können.

Für das nächste Jahr sieht die Prognose der Geschäftsführung jedoch völlig anders aus. Auslaufende Förderprogramme, fehlende Folgeaufträge, um fast die Hälfte gestiegene Beschaffungskosten bei Glas sowie ein infolge der Verdopplung der Marktkapazitäten bei Sicherheitsglas extremer Preiskampf schrauben die Erwartungen der Geschäftsführung nach unten. Wird das Glaswerk aller Voraussicht nach in diesem Jahr einen Umsatz von elf Millionen Euro ausweisen, plant die Unternehmensspitze für 2011 mit zehn Prozent weniger.

Als Konsequenz aus dieser Gemengelage will sich das Glaswerk mit derzeit 100 Beschäftigten strategisch neu ausrichten. "Wir wollen uns speziell in den Bereichen Sicherheits- und Solarglas neue Märkte aufbauen und dafür den Standort Osterburg weiter ausbauen", kündigt Geschäftsführer Enno Kecker im Volksstimme-Gespräch an.

Das Unternehmen, das mit der Veredlung von Rohglasscheiben zu hochwertigem Isolier- und Sicherheitsglas unter anderem für Türen, Duschkabinen und Fenster groß geworden ist, hatte erst vor zwei Jahren knapp vier Millionen Euro unter anderem in den Bau einer neuen Produktionshalle sowie die Anschaffung eines zweiten Glasofens speziell für die Herstellung von Sicherheitsglas investiert. Diese Anschaffung zahle sich jetzt vor dem Hintergrund der geplanten Neuausrichtung vom Massen- zum Spezialhersteller aus, betont Kecker.

Der Einstieg in den Sicherheitsglas-Bereich ist dem Glaswerk bereits gelungen. Nicht nur, dass das Unternehmen Balkon- und Treppenverglasungen für die auf der Meyer-Werft im niedersächsischen Papenburg gebauten AIDA-Kreuzfahrtschiffe liefert.

Jetzt haben es die Osterburger auch auf die Lieferantenliste des Disney-Konzerns geschafft, der mit ebenfalls in Papenburg gebauten Mega-Kreuzfahrtschiffen in einen für den US-amerikanischen Unterhaltungsriesen völlig neuen Markt drängt. Für die "Disney Fantasy", die im Jahr 2012 fertiggestellt werden soll, liefert das Glaswerk bläulich schimmernde Fassadenverglasungen. Das erste Schiff der Gattung, die 340 Meter lange und einmal 4000 Passagiere fassende "Disney Dream", hatte am vergangenen Wochenende das Baudock verlassen.

Im Auftrag der NATO hat das Glaswerk mobile Baracken für die kanadische Armee mit Panzerglas ausgestattet. "Wir hoffen nun, vom NATO-Hauptquartier in Brüssel als ständiger Lieferant gelistet zu werden", sagt Kecker, der von einem steigenden, dem wachsenden Sicherheitsbedürfnis öffentlicher Einrichtungen wie Privatpersonen entspringenden Anteil von Panzerglas am Unternehmensumsatz von künftig 40 bis 50 Prozent ausgeht. Zudem wolle man sich mit speziell gefertigtem Sicherheitsglas etwa in Form von kratzfesten Küchenarbeitsplatten oder wasserabweisendem Duschenglas dem "normalen" Konsumentenmarkt zuwenden.

Weiteres Wachstum verspricht sich das jährlich 600 000 Quadratmeter Glas verarbeitende Unternehmen aus seiner Zusammenarbeit mit einem Solarwerk in Osterweddingen bei Magdeburg. Dort auf Glasscheiben aus Osterburg aufgebrachte Dünnschicht-Photovoltaikelemente werden in der Altmark mit einer weiteren Scheibe "verschlossen" und können dann beispielsweise als energiespendende Fassadenelemente fertig verbaut werden.

Lassen sich die Pläne realisieren, rechnet Kecker perspektivisch auch wieder mit Neueinstellungen.

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