Noch in diesem Jahr könnte das Insolvenzverfahren für das Holzpelletwerk Tangermünde eröffnet werden. Das kündigte Insolvenzverwalter Lucas Flöther gegenüber der Volksstimme an. Im September 2009 hatte das für 18,5 Millionen Euro errichtete Werk seinen Betrieb aufgenommen. Nur wenige Monate später schloss es seine Tore.

Tangermünde. Rechnungen beim Hamburger Anlagenbauer Kahl Group waren zu diesem Zeitpunkt ebenso offen wie Rechnungen von Holzlieferanten. Die Hausbank des alleinigen Gesellschafters Michael Kruthoffer, ein Rechtsanwalt aus dem hessischen Seligenstadt, gab keinen Kredit mehr. Mehr als 30 Mitarbeiter verloren ihren Job.

Seit Februar 2010 ermittelt die Staatsanwaltschaft Magdeburg, Abteilung Wirtschaftskriminalität, wegen des Verdachts der Insolvenzver- schleppung. In Tangermünde und Seligenstadt sind mittlerweile Computer und Unterlagen beschlagnahmt worden. "Wir werden noch Monate brauchen. Das ist ein sehr umfangreiches und komplexes Verfahren", erklärte Oberstaatsanwältin Silvia Niemann.

Auslöser für die Insolvenzverwaltung ist das Finanzamt in Stendal. Das fordert von Kruthoffer die Investitionszulage 2008 zurück. Eine Forderung über 1,7 Millionen Euro. Auch die Landesinvestitionsbank will Geld wiedersehen. Sie fordert 1,3 Millionen Euro Investitionshilfe zurück. Ein Verfahren, das für Kruthoffer mit Blick auf das Insolvenzverfahren als abgeschlossen gilt.

Auf bis zu neun Millionen Euro schätzen Insider die offenen Rechnungen des Tangermünder Holzpelletwerkes. Allein dem Hamburger Anla- genbauer sollen noch 4,7 Millionen Euro zustehen. Eine Zahl, die Kruthoffer im Volksstimme-Gespräch nicht dementierte. Viele der ehemaligen Mitarbeiter sind verbittert.

"Ich hätte nie geglaubt, dass man ein 20-Millionen-Euro-Werk derart in den Sand setzen kann", sagte ein Ex-Beschäftigter. Ein anderer wird noch deutlicher: "Mit Vorsatz sind 40 Arbeitsplätze vernichtet worden." Das Werk habe durchaus erfolgreich seine Produktion begonnen. Doch eine Woche vor Weihnachten sei das Holz, der Rohstoff für die Presslinge, alle gewesen. Feierabend.

Doch Mitarbeiter sind der Meinung, dass der Betrieb 100 Prozent rentabel geführt werden könnte. Zusammen mit dem Hamburger Anlagenbauer und dem Tangermünder Heizkraftwerk, das die Wärme vom Blockheizkraftwerk für die Produktion liefert. Immerhin habe es zahlreiche langfristige Verträge gegeben. Unter anderem mit Unternehmen in Italien, die jährlich 30 000 Tonnen Holzpellets abnehmen wollten – ein Drittel der Jahresproduktion. Zudem sei ein Großteil der Holzpellets unter Herstellungspreis verkauft worden, schildert ein Mitarbeiter.

Es wird darauf verwiesen, dass sich Kruthoffer gar nicht wirklich um das Werk gekümmert habe. "Er hat es nie laufen sehen." Statt dessen soll der hessische Rechtsanwalt im beachtlichen Umfang Immobilien gekauft haben, während die Lkw-Fahrer, die Tangermün- der Holzpellets bis nach Bayern lieferten, auf Autobahnen stehen blieben. Die Tankkarten sollen bereits gesperrt gewesen sein.

Kruthoffer habe weniger als 18 Millionen Euro in das Werk investiert, erfuhr die Volksstimme aus gut informierter Quelle. Ehemalige Beschäftigte fragen sich längst, wo das ganze Geld geblieben ist. In Tangermünde geht das Gerücht um, dass dafür unter anderem ein Grundstück in der Schweiz erworben wurde.

Schriftlich weist Kruthoffer das zurück. "Es ist ein Gerücht ohne Bezug auf die Wirklichkeit und entbehrt jeder Grundlage", heißt es in dem Schreiben. Des Weiteren begründet Michael Kruthoffer, warum die Produktion eingestellt wurde. Danach seien zwischen 2008 und Ende 2009 die Holzeinkaufspreise massiv gestiegen. Deswegen hätten entgegen der ursprünglichen Kalkulation jährlich rund 1,5 Millionen Euro gefehlt, die "eigentlich vereinbarungsgemäß für die Tilgung des Investitionsdarlehens benötigt worden wären". Die Hausbank sei nicht mehr bereit gewesen, Mittel für den laufenden Betrieb bereitzustellen. Aufgrund der "fehlenden Perspektive eines einträglichen Geschäftes" sei die Entscheidung getroffen worden, das Holzpelletwerk ab Anfang 2010 nicht im Dauerbetrieb zu führen.

Nur: Im Frühjahr 2010 behauptete Michael Kruthoffer noch öffentlich, dass technische Mängel zum Produktionsstopp führten. Ein Vorwurf, der dem renommierten Anlagenbauer einen Millionenauftrag in Kanada gekostet haben soll. Von den gestiegenen Holzpreisen war da keine Rede.

Völlig aus dem Geschäft ist das Tangermünder Holzpelletwerk indes nicht. Via Internet können Pellets bestellt werden. Angeliefert werden sie aus Sachsen. Eine Tonne nach Salzwedel kostet rund 255 Euro. Und vom Vertriebsmitarbeiter bekam die Volksstimme die Aussage, dass die Produktion in Tangermünde bald wieder losgeht. Doch das kann bezweifelt werden. Ein Investor ist bis heute nicht gefunden und die Gläubigerversammlung vor wenigen Wochen in München endete nicht fröhlich, schildern Insider.