Mehrere Jahre haben die Gesprächspartner von Sarah Lehmann im Gefängnis verbracht, die Strukturen des Lebens in Freiheit vielleicht nie kennengelernt. Dabei hilft sie ihnen jetzt. Im Rahmen des Landesprojektes Zebra betreut sie in Burg bislang 15 Häftlinge bei der Resozialisierung.

Burg l Vorurteile sind im Beruf von Sarah Lehmann fehl am Platz. Toleranz und der Glaube an den Menschen seien ganz wichtig. "Ich sehe jeden meiner Gesprächspartner als Individuum", erklärt die 26-Jährige. Seit März dieses Jahres kümmert sie sich um die Umsetzung des Landesprojektes Zebra (Zentrum für Entlassungshilfe, Beratung, Resozialisierung und Anlaufstelle zur Vermittlung gemeinnütziger Arbeit) in Burg. Ihr Büro hat sie beim Diakonischen Werk Jerichower Land in der Grünstraße.

Das Projekt hat die Integration und die Resozialisierung Straffälliger als Ziel. Dabei sollen die Häftlinge unterstützt werden, ein straffreies Leben zu führen und verbesserte Chancen am Arbeitsmarkt zu erlangen. Das Justizministerium Sachsen-Anhalt hat in Zusammenarbeit mit dem Landesverband für Straffälligen- und Bewährungshilfe die Rahmenkonzeption für dieses Projekt erarbeitet.

"Wir wollen die Entlassenen nicht alleine lassen", begründet Lehmann und fügt an: "Jeder Mensch hat eine zweite, vielleicht auch eine dritte Chance verdient." Die ausgebildete Mediatorin gibt den Häftlingen Hilfe bei der Haftentlassungsvorbereitung, unterstützt bei der Wohnungssuche und bei den Behördengängen und versucht, weiterführende Hilfsangebote zu vermitteln. Dabei richtet sich das Angebot nicht nur an Inhaftierte oder Haftentlassene, sondern auch an Angehörige.

"Eine Akteneinsicht bekomme ich nicht."

15 Menschen hat sie seit März bislang in Burg betreut. "Warum sie im Gefängnis sitzen, weiß ich nicht, da ich keine Akteneinsicht bekomme, aber die meisten sind sehr offen und erzählen es mir dann auch", erklärt die Fachfrau. Dabei will sie sich aber keineswegs in die Arbeit des Sozialen Dienstes in den Haftanstalten einmischen. "Ich bin eine zusätzliche Beratungsstelle, die die Häftlinge freiwillig aufsuchen können, wenn sie Bedarf haben", sagt Lehmann. Dabei können nur Insassen zu ihr kommen, die einen Lockerungsstatus besitzen, das heißt Häftlinge, die zwölf bis sechs Monate vor der Entlassung stehen. Um auf ihr externes Angebot hinzuweisen, besucht sie einmal im Monat die JVA Burg, wo sie ebenfalls Gespräche anbietet.

"Gerade mit dieser großen Haftanstalt ist die Stelle hier in Burg sehr wichtig. Dementsprechend wird das Projekt auch von der Stadt unterstützt", erzählt Dr. Martina von Witten, Geschäftsführerin des Diakonischen Werkes, die eng mit Sarah Lehmann zusammenarbeitet.

Eine tragende Säule ist die 26-Jährige durch ihre Arbeit auch im Arbeitskreis "Resozialisierung und Kriminalprävention Burg". Jener will das Arbeitsfeld der Straffälligenhilfe und alle beteiligten Arbeitsbereiche im hohen Maße erschließen und vernetzen. "Resozialisierung gelingt nur so gut, inwieweit die Einbindung des Individuums in die auf ihn umgebende soziale Umwelt gelingt", erklärt von Witten. In Zukunft soll vor allem die Aufklärung der regionalen Bevölkerung eine Aufgabe des Arbeitskreises, der sich aus verschiedenen Experten zusammensetzt, sein. Dabei gibt es bereits die Idee, mit Hilfe von Fachveranstaltungen und Projekten für Kinder und Jugendliche, Ängsten und Vorurteilen entgegenzuwirken. Auch die Entwicklung eines Beschwerdemanagements zählt dazu.

"Viele kommen einfach nur zum Erzählen."

Immer dienstags bis donnerstags steht Sarah Lehmann für Hilfesuchende von 8.30 bis 16 Uhr im Beratungszentrum, Grünstraße 1b, zur Verfügung. Angst hat die junge Frau bei ihren Gespräch nicht. "Viele kommen einfach nur, weil sie erzählen wollen, und da mache ich mir keine Gedanken", so die 26-Jährige, die 2011 ihr Studium der Sozialen Arbeit an der Fachhochschule Magdeburg-Stendal abgeschlossen hat. Emotionen versucht sie bei ihrer Arbeit rauszulassen. "Mit einem gesunden Abstand und einer gesunden Nähe gehe ich die Gespräche an."