Feuerkorb mit Kessel, Bergmannstracht oder Büromöbel nach Maß. Die Werkstätten in der Justizvollzugsanstalt Burg haben eine breite Angebotspalette. Gut die Hälfte der Insassen stehen unter anderem in acht Werkstätten in Lohn und Brot.

Burg l "Der Feuerkorb ist unser Verkaufsschlager. Wir haben seit zwei Jahren mehr als 600 Stück verkauft." Wer Michael Otto zuhört, kann denken, er spreche als Geschäftsführer einer mittelständischen Firma, die sich am Markt mit einem Spitzenprodukt erfolgreich hält. Doch ganz so ist es nicht. Otto ist Niederlassungsleiter des Landesbetriebs für Beschäftigung und Bildung der Gefangenen (LBBG) in der JVA Burg. Dieser koordiniert die Arbeitseinsätze der Gefangenen und die Produktionen in den JVAs des Landes.

In Burg gibt es sieben Abteilungen, darunter eine Schneiderei, Schlosserei, Tischlerei, Palettenbau und Elektroabteilung. Von den derzeit 515 Gefangenen arbeiten 283 in den LBBG-Werkstätten und als Gefangenenhilfskräfte beim privaten Partner der JVA als Reinigungskräfte, in der Küche, der Wäschekammer und als Grünanlagenpfleger.

"Bei uns in Arbeit zu kommen, funktioniert grundsätzlich wie in der freien Wirtschaft draußen", erklärt Otto. Wer in Burg seine Haft antritt, schreibt eine Art Bewerbung. Otto und der Anstaltsleiter Thomas Wurzel suchen gemeinsam unter den Bewerbern die Arbeitskräfte aus. "Die Auswahl ist abhängig von den Fähigkeiten des Bewerbers und unserer Auftragslage", erklärt Otto. "Aber auch, und das ist entscheidend, vom Sicherheitsaspekt." Und ähnlich wie in der freien Wirtschaft bemerkt der Niederlassungsleiter, dass "das Kopf- und Handniveau abnehmend" ist. In den Jugendanstalten des Landes liege die Analphabetenquote bei 80 Prozent. "Das sind die Verbrecher von morgen", sagt Otto. Die Gefangenen würden zunehmend dümmer, aber auch aggressiver.

Genau dieser Aspekt bereitete Birgit Schröpfer zunächst Bauchschmerzen. "Am Anfang hatte ich Angst", sagt die 53-Jährige, die seit eineinhalb Jahren in der Schneiderei der JVA Gefangene anleitet. Als Schneidermeisterin war die Glindenbergerin arbeitslos. Eine Zeitarbeitsfirma empfahl ihr den Job. Inzwischen sieht sie die Gefangenen als Arbeitskollegen. "Eigentlich ist es ein sicherer Job - hier weiß ich, wer mir gegenüber steht", sagt Schröpfer.

Die Schneiderei in Burg ist die größte Werkstatt. Bis zu 80 Männer können dort im Zuschnitt, an den Nähmaschinen und in der Stickerei arbeiten. Derzeit arbeiten Abteilungsleiter Winfried Groß und sieben weitere Bedienstete mit 60 Gefangenen zusammen. Die Aufträge sind so unterschiedlich wie die Haftgründe der Gefangenen. Einzelaufträge von Hamburger Designern für kunstvoll gestickte Kinderkopfkissen stehen Arbeitsbekleidung in mehr als 900 Modellen gegenüber.

Sachsen-Anhalts Richter und Staatsanwälte tragen ihre schwarzen Roben - von Hand genäht in Burg. "Die erste zu nähen war schon komisch. Aber inzwischen habe ich damit kein Problem mehr", sagt Steve Z. Der 28-Jährige ist für neun Jahre inhaftiert. Und in der Burger Schneiderei einer der wichtigsten Kollegen für Birgit Schröpfer. Vier Monate saß er in Burg ohne Arbeit. "Die Haft ist leichter zu ertragen, wenn ich von 6.45 bis 14.45 Uhr hier arbeite", sagt Z. "Die Zeit vergeht schneller." Und auch das "Schmerzensgeld" - wie die Gefangenen ihre Lohnvergütung im Scherz nennen - helfe weiter. "Etwa 100 Euro bekomme ich im Monat ausgezahlt", erklärt Z., der durch die Handarbeit in die vierte Lohngruppe aufgestiegen ist.

Fünf Vergütungsstufen gibt es. Nach Abzug des Arbeitslosenanteils gehen vier Siebtel des Lohns in das Überbrückungsgeld, das die Gefangenen nach Haftentlassung ausgezahlt bekommen. Drei Siebtel stehen zur freien Verfügung. "Bezahlt wird nur die tatsächliche Arbeitszeit, keine Vorbereitung oder Mittagszeit", erklärt Anstaltsleiter Wurzel.

Aller zwei Monate bekommen die Gefangenen einen Tag frei. "Wer zehn Jahre durchgängig arbeitet, kann so 60 Tage ansammeln, die er zur Haftverkürzung nutzen kann", sagt Wurzel. "Oder einfach als Freitage nutzt, in denen er nicht zur Arbeit geht." Die Tage bekommt er aber auch keinen Lohn. Ebenso an Krankentagen. In die Rentenversicherung zahlen die Gefangenen nicht ein. Ein Manko des Systems, findet Anstaltsleiter Thomas Wurzel. "So bleiben die Gefangenen nach ihrer Haftentlassung weiter ein Fall für die Sozialhilfe, bis ins Rentenalter hinein."

Jedes Gefängnis in Sachsen-Anhalt hat Arbeitsstätten für die Gefangenen. "Offene Werbung für unsere Produkte dürfen wir nicht machen", sagt Otto. Doch die Mund-zu-Mund-Propaganda wirke und auch Kundenakquise durch den LBBG gebe es. Die Preise orientieren sich am freien Markt. "Unsere Vorteile sind: Wir arbeiten flexibel und können kurzfristig Kleinserien fertigen", so Otto. Und im Textilgewerbe hat die JVA fast ein Alleinstellungsmerkmal in Deutschland. "In der Qualität wird hierzulande kaum noch gearbeitet. Und gegenüber dem osteuropäischen Ausland und Asien sind wir einfach schneller."

Für die Gefangenen ergeben sich aus ihrer Haftarbeit auch nur bedingt "Chancen für draußen". In der Konkurrenz um Arbeitsplätze ziehen die Männer den Kürzeren.