Nach 37 Jahren Arbeitszeit in Gommern wird Dr. Siegfried Wruck am Jahresende in den Ruhstand gehen. Heute verabschiedet sich der 72-Jährige mit einem Empfang in seiner Praxis.

Gommern l Jede Sprechstunde, jede Untersuchung in diesen Tagen macht Dr. Siegfried Wruck ein letztes Mal. Am Freitag ist sein offiziell letzter Tag als praktizierender Internist, dann geht er in den Ruhestand. Von Wehmut oder Melancholie keine Spur - kommt der Abschied doch mit sechs Jahren Anlaufzeit. "So lange hatte ich meine Praxis ausgeschrieben. Nun erst habe ich einen Nachfolger gefunden", sagt der 72-Jährige.

Ein Telefon mit Drehscheibe, Akten auf dem Schreibtisch und an seiner Seite Sprechstundenhelferin Ingeborg Witzel. So beginnt Dr. Siegfried Wruck am 1. Mai 1974 seinen Dienst in der Ehlestadt. "Eigentlich wollte ich früher beginnen, aber dummerweise habe ich eine Gelbsucht bekommen", erinnert sich der künftige Ruheständler. Sein Weg führte direkt von der Universitätsklinik in Magdeburg nach Gommern. "Es gab damals in Magdeburg keine Wohnungen. Ich hatte kurz zuvor geheiratet und wohnte bei meinen Schwiegereltern. Und das war auf Dauer kein Zustand", so Wruck. Auf seine Annonce in einer Fachzeitschrift habe er 40 Zuschriften mit Stellenangeboten aus der gesamten DDR erhalten, angefangen vom Krankenhaus im erzgebirgischen Stollberg bis an die Ostsee. "Hier in Gommern hatte ich den Vorteil, das ein Haus mit zum Angebot gehörte. Da habe ich dann zugeschlagen", sagt der Arzt.

Die Ausbildung zum Facharzt hatte er bereits abgeschlossen. "Aber damals gab es nicht die Unterscheidung zwischen dem Facharzt ¿Hausarzt\' und Facharzt ¿Facharzt\' so wie heute." Außerdem habe damals in Gommern in der Poliklinik an der Walther-Rathenau-Straße eine unbenutzte Röntgenanlage mit zum Inventar gehört. Die Innere Medizin umfasste in dieser Zeit noch das Röntgen, erläutert der Mediziner, der vor seinem Start in der Ehlestadt ein halbes Jahr in der Uni-Klinik in Magdeburg in der Röntgenabteilung gearbeitet hatte. Also ideale Voraussetzungen "um etwas auf die Beine zu stellen".

Einziger Wermutstropfen bei der Eröffnung seiner Praxis in Gommern war die Bemerkung eines befreundeten Ärzteehepaares aus Helmstedt. "Sie sagten ¿Solche Praxis hatten unsere Großväter damals auch\', weshalb ich ziemlich beleidigt war. Zu DDR-Zeiten war es nämlich sehr schwierig Stuckdecken zu restaurieren", erinnert sich Siegfried Wruck mit einem Schmunzeln.

Das erste halbe Jahr pendelte er zwischen Magdeburg und Gommern, bevor er ein Haus in der Knickstraße bezog. "Der Trabant fuhr zwar nur Tempo 100, aber der Verkehr war ein anderer. In Magdeburg gab es damals zum Beispiel nur wenige Ampeln."

"Wie alle anderen Ärzte, die aus dem Krankenhaus kommen, denkt man Wunder, was die Leute haben und was man selber kann", beschreibt er seine Anfangszeit als Arzt. Als Internist habe sich Dr. Siegfried Wruck damals viel weiterbilden müssen, um dem Arbeitsalltag gerecht zu werden. "Es war schwierig sich auf die Breite der Aufgaben einzustellen", so Wruck. Zu dieser Zeit habe es nur wenige Fachärzte gegeben. Viele der Behandlungen blieben in den Händen des Allgemeinmediziners. "In den 1970ern hat man beispielsweise einen Herzinfarkt aus dem EKG hergeleitet und dann bekam der Patient Bettruhe und Tabletten. Da gab es keinen Herzkatheter, keine Kontrastbilder, kein CT, keinen Ultraschall", fallen ihm einige Unterschiede zu den heutigen Möglichkeiten der Medizin ein. Er fügt hinzu: "Es waren einfachere Methoden, nicht immer zum Besten des Patienten." Ein Arzt könne heute viel mehr bewirken als in früheren Jahren. "Schlaganfälle und Herzinfarkte kann man minimieren. Wenn ich daran denke, wie viele Patienten heute 80 oder 100 Jahre alt werden, dann ist das schon erstaunlich", so Dr. Wruck.

1995 folgt der Umzug in die heutige Praxis in der Martin-Schwantes-Straße 13. Nun am Freitag hat Siegfried Wruck seinen letzten Arbeitstag. Dann will der Bootsbesitzer seiner Leidenschaft nachgehen. Und Freunde besuchen, die er schon länger nicht gesehen hat.

Ein Empfang als Abschied

Seinem Nachfolger gibt Siegfried Wruck mit auf den Weg, "sich möglichst standespolitisch zu engagieren, damit er versuchen kann, das Gute zu stärken." Als größte Veränderungen im Laufe seiner beruflichen Tätigkeit empfindet er die "Durchsichtigkeit des Arztes gegenüber den Krankenkassen und die Neigung zum Normieren sowohl von Leistungen als auch von der Diagnostik." Dazu käme noch eine überbordende Bürokratie.

"Und mein Nachfolger muss Spaß haben an der Arbeit und muss mit Menschen gut umgehen können. Aber da habe ich ein gutes Gefühl", sagt Siegfried Wruck, der sich heute ab 10 Uhr mit einem Empfang an seiner Praxis von seinen Patienten, Freunden und Bekannten verabschieden möchte. Dann wird auch Wrucks Nachfolger Dr. Thomas Witzlack dabei sein.

Ein Interview mit Dr. Thomas Witzlack lesen Sie in der morgigen Ausgabe.

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