Kurz vor Weihnachten, am 22. Dezember, jährte sich das größte Zugunglück in der deutschen Eisenbahngeschichte zum 72. Mal. Es ereignete sich in Genthin. Die Katas-trophe forderte 278 Menschenleben, 453 Reisende wurden zum Teil schwer verletzt.

Genthin l Für Alexander Trapp ist der 21. Dezember 1939 ein besonderer Tag. Der Ingenieur aus Rüsselsheim, der bei Opel beschäftigt ist und vorübergehend in die Arado-Werke nach Brandenburg versetzt wurde, besteigt am Abend in Brandenburg den D 180 (Berlin-Saarbrücken). Der Zug ist mit Arbeitern und Soldaten völlig überfüllt, die erste Kriegsweihnacht steht bevor. Alexander Trapp schafft es vermutlich mit Mühe und Not, sich durch die Massen zu drängen und noch einen Platz im Zug zu ergattern.

Wenn er zuhause ankommt, kann er sich auf die Glückwünsche seiner Familie freuen, denn Trapp feiert heute Geburtstag, seinen 33. Doch der Ingenieur kommt nie daheim an. Anstatt Geburtstag zu feiern, muss die Familie eine Beerdigung ausrichten. Ein Telegramm überbringt Käthe Trapp die Nachricht vom Unglückstod ihres Mannes. Sie fährt nach Genthin, identifiziert ihren Mann. Sohn Jürgen, seinerzeit drei Jahre alt, wird von seiner Mutter zu ihren Lebzeiten kaum etwas über den Tod des Vaters erfahren. Nur soviel, dass sie ihn nur noch an seiner Armbanduhr und seiner Kleidung erkannt habe.

"Von den Arado-Werken ist nichts mehr zu sehen, und was bringt noch der Bahnhof."

Sein Leben lang hat der Genthiner Heimatforscher Dieter Rohr Recherchen zu den Ereignisse um die Bahnkatastrophe von 1939 betrieben. Das Schicksal der Familie Trapp ist ihm allerdings erst in diesem Jahr bekannt geworden, nachdem Rohr 2009 als Zeitzeuge in einem mdr-Beitrag zu sehen war. Jürgen Trapp hat Rohr ausfindig gemacht, einen Kontakt hergestellt und ihm Kopien von wichtigen Dokumenten der Familie, unter anderem eine Kopie des Telegramms, für sein Archiv zur Verfügung gestellt. Zu gern würde der mittlerweile 75-Jährige, der bei Erlangen wohnt, trotz seines schlechten Gesundheitszustandes nach Genthin kommen. Doch Rohr hat ihm davon abgeraten. In Brandenburg sei nichts mehr von den Arado-Werken zu sehen, und was bringe ihm schon der Genthiner Bahnhof, hat Rohr gesagt. Für den Genthiner haben solche Kontakte inzwischen Seltenheitswert bekommen. Denn die biologische Uhr sowohl der Zeitzeugen der Eisenbahnkatastrophe als auch die der Hinterbliebenen scheint nach mittlerweile 72 Jahren abgelaufen. Opfer werden nach und nach namenlos.

Trotzdem hütet Rohr, der die Katastrophe als Siebenjähriger erlebt hat, sein Material wie einen kleinen Schatz für die Nachwelt. Vielleicht für seinen Enkel - er weiß es nicht. Daten, Namenslisten und selbst die grausamsten Einzelheiten des schwersten Unglücks in der deutschen Eisenbahngeschichte hat er über Jahrzehnte zusammengetragen, jedes Blatt wohlbehütet in eine schützende Folie aufbewahrt. Das jüngste Opfer war gerade mal ein Jahr alt, die Liste der gefundenen, nicht mehr zuzuordnenden Leichenteile - auch die hat Rohr in seinem Besitz - macht auch noch nach 72 Jahren schaudernd.

Rohr berichtet, dass viele Menschen bei bitterer Kälte auf dem Bahnhof starben, die man hätte retten können. Die Feuerwehr sei mangelhaft ausgestattet gewesen, ein aus Magdeburg herbeigerufener Hilfszug sei in Güsen steckengeblieben, staatliche Stellen reagierten schwerfällig, es dauerte ewig, bis ein Schweißgerät eintraf. Rohr erzählt fließend, ohne dass ihm seine riesige Akte nachhelfen müsste. Fast alle Details sind dem 80-Jährigen geläufig, dafür muss er nicht nachschlagen.

Seine Augen funkeln, wenn er vom Briefwechsel mit dem Blankenburger Udo Ernst, dem Sohn eines Polizisten aus dem Genthin des Unglücksjahres, berichtet. Das gibt es in keinem Archiv. Beharrlich widerspricht Rohr bis auf den heutigen Tag allen Angaben, die nicht davon ausgehen, dass es 278 Tote gegeben habe. Diese Zahl sei zwar nie offiziell veröffentlicht worden, doch ein ihm bekannter Mitarbeiter des Genthiner Rathauses, ein Kriegsverwundeter, der aus Stalingrad ausgeflogen und nicht mehr kriegstauglich geschrieben wurde, habe sich sehr genau daran erinnern können, dass diese Todeszahl auf amtlichen Papieren geführt wurde. Aufgetaucht ist dieses Papier nach dem Krieg allerdings nicht mehr.

Nicht alles, was Rohr zu berichten hat, ist allerdings trotz seiner großen Akribie auf Papier nachzulesen. Etwa die Geschichte vom traurigen Schicksal der Ehefrau des Krankenhaus-Chefarztes Dr. Usbeck. Da in ganz Genthin nur ein Krankenwagen am Unfallabend verfügbar war, setzte sie sich in ihren Privatwagen und fuhr bis zur Erschöpfung Schwerverletzte zur Behandlung. Die Frau des Chefarztes hat dies psychisch nie verkraftet. Verbürgt ist auch, so Dieter Rohr, dass Dr. Usbeck und Dr. Teutschenbein im Krankenhaus 48 Stunden ununterbrochen Amputationen vornahmen.

Fast kurios nimmt sich da in Rohrs Sammlung ein Volksstimme-Beitrag vom 22. Dezember 1959 aus, die einzige Veröffentlichung zum Genthiner Bahnunglück zu DDR-Zeiten. Dass das Unglück vom Autor mit der kriegstreibenden Nato in Verbindung gebracht wird, ist wohl dem ideologischen Zeitgeist geschuldet.

1959 war Lothar Papzien erst zwei Jahre alt. Er wuchs in Oschersleben auf. Papzien gehört zu jenen Hobbyhistorikern, die weder als Zeitzeuge noch als Hinterbliebene mit dem Unglück verbunden sind. Als er vor einigen Jahren nach Genthin zog, sah er das Denkmal auf dem Bahnhofvorplatz, das auf Initiative von Hartmut Rodius und Bernd Francke aufgestellt wurde, als sich das Unglück zum 60. Mal jährte. "Was steckt eigentlich dahinter, dachte ich und begann mich dafür zu interessieren", erzählt er heute. Irgendwie sei er dann über die QSG in den Arbeitskreis Stadtgeschichte geraten. Papzien: "Als dann der 70-jährige Jahrestag des Eisenbahnunglücks bevorstand, haben wir uns gesagt, dass es daran kein Vorbeikommen geben kann."

"Die Katastrophe muss im Bewusstsein der Menschen bleiben."

Genthins Bürgermeister half, Kontakte zum Landesarchiv zu knüpfen und Papzien konnte dort in Vorbereitung einer Ausstellung ausgiebig Einsicht in Akten zum Unglück nehmen. Seitdem haben ihn die Umstände des Unglücks nicht mehr losgelassen. "Ich habe Bilder gesehen, die man keinem zumuten kann", sagt er.

Über die Gedenkveranstaltung zum 70. Jahrestag hinaus fasziniert ihn dieses so grausame Kapitel in der Genthiner Stadtgeschichte bis auf den heutigen Tag. "Für mich ist es wichtig, dass diese Eisenbahnkatastrophe im Bewusstein der Menschen bleibt". Deshalb will Papzien eine DVD über das Unglück in Genthin produzieren.

Ein Stück Vorarbeit hat er bereits geleistet, indem er auf seinem heimischen Computer alle ihm verfügbaren Dokumente, darunter die Anklageschrift, das Urteil gegen den Lokführer Wedekind und diverse Zeitzeugenberichte, als PDF-Dateien gespeichert hat. Es wird also weitere Nachrichten vom Unglück 1939 geben ...

   

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