Nach Urlauben und Weihnachten entscheiden sich Ehepaare vermehrt für eine Trennung. Die Genthiner Rechtsanwältin Juliane Kister nennt ein paar Gründe dafür und erklärt, warum das Modell Ehe trotzdem nicht ausgedient hat.

Genthin l Weihnachten ist das Fest der Liebe - zumindest wird das seit Jahrzehnten so in den Medien und durch die Werbeindustrie verkauft.

An Weihnachten kommt die Familie zusammen, Menschen verbringen viel Zeit miteinander. Doch das ist nicht in jeder Familie immer nur schön, manchmal kommt es während des Festes oder danach zum großen Knall: Ehepaare merken, dass sie nicht mehr zusammenleben wollen oder können und machen sich dann auf den Weg zu einem Scheidungsanwalt. "Es ist zwar von Jahr zu Jahr unterschiedlich, aber generell lässt sich feststellen, dass sich nach Weihnachten mehr Menschen zur Ehescheidung informieren als in anderen Monaten", erklärt die Genthiner Rechtsanwältin Juliane Kister.

"Oft kochen an diesem Fest Probleme bei den Menschen hoch, die mit Weihnachten eigentlich gar nichts zu tun haben."

Die Gründe für den leichten Anstieg von Klienten in den Monaten Januar und Februar kann die Fachanwältin für Familienrecht auch nur vermuten. "Weihnachten ist oftmals nur der letzte Tropfen, der das Fass zum Überlaufen bringt", sagt sie und ergänzt: "Oft kochen an diesem Fest Probleme bei den Menschen hoch, die mit Weihnachten eigentlich gar nichts zu tun haben." In einigen Familien sind die Erwartungshaltungen in Bezug auf Weihnachten sehr groß, berichtet Juliane Kister von den Erfahrungen der vergangenen Jahre. "Jeder hat seine eigenen Wünsche und Vorstellungen. Darin liegt aber auch großes Konfliktpotential: Wenn diese enttäuscht werden, kann es zum Streit kommen." Nicht selten sind diese Auseinandersetzungen dann so stark, dass grundsätzliche Probleme der Partnerschaft diskutiert werden und nach Weihnachten einer oder beide Partner den Entschluss fassen, lieber getrennte Wege gehen zu wollen.

Juliane Kister hat es aber auch schon erlebt, dass selbst an den Weihnachtstagen Menschen ihre Kanzlei aufgesucht haben. "Dann geht es meistens um sehr akute Sachen, zum Beispiel, wenn von einem der Partner Gewalt ausgeübt wurde.

Diese Angelegenheiten müssen dann sofort geklärt werden", schildert die Rechtsanwältin. Im Normalfall ist es jedoch so, dass die Menschen direkt nach der Trennung zu ihr kommen und sich beraten lassen. "Sie wollen sich Klarheit verschaffen, eigene Fragen klären und vor allem dringende, mit der Trennung zusammenhängende Probleme lösen", sagt Juliane Kister. Dann würden weitere Vorgehens- und Verfahrensweisen (Trennungsjahr etc.) besprochen, so die Fachanwältin für Familienrecht.

"Viele Paare lassen sich zwischen dem 4. und 7. Ehejahr scheiden. Am ¿verflixten\' siebten Jahr ist schon etwas dran."

Es gibt jedoch nicht nur Auffälligkeiten bei den Zeitpunkten für die ersten Beratungsgespräche, auch die Anzahl der Scheidungen nach Ehejahren zeigen gewisse Häufigkeiten auf. "Viele Paare lassen sich zwischen dem 4. und 7. Ehejahr scheiden.

Am ¿verflixten\' siebten Jahr ist also schon etwas dran", erklärt Juliane Kister und ergänzt: "Nach dem 20. Jahr gibt es auch noch einmal eine Steigerung." Zudem lassen sich gesellschaftliche Entwicklungsprozesse zunehmend auch bei den Ehescheidungen ablesen. "Trennungen von Menschen über 65 Jahre sind keine Seltenheit mehr. Die steigende Lebenserwartung hat auch darauf einen Einfluss", sagt die Rechtsanwältin.

Obwohl sie in ihrem Alltag dauerhaft mit Ehescheidungen zu tun hat, ist Juliane Kister nicht der Meinung, dass die Ehe ausgedient hat. "Ganz im Gegenteil: Die Zahl der Eheschließungen steigt. Vor allem die Anzahl der Zweit- und Drittehen hat in den vergangenen Jahren zugenommen." Das "Modell Ehe" hat viele Vorteile, wie sie erklärt. "Die Ehe bietet Schutzmechanismen, wie sie nichteheliche Lebensverhältnisse nicht bieten können. Die Ehe gibt einer Partnerschaft einen rechtlichen Rahmen."

Bei einer Trennung von zwei Menschen müsse es einen Ausgleich für beide Partner geben - bei der Ehe ist dieser durch Gesetze gesichert, so die Fachanwältin für Familienrecht. "Viele Menschen glauben, dass eine Trennung bei einer nichtehelichen Lebensgemeinschaft einfacher ist - doch das ist ein Irrtum. Gerade bei gemeinsam geschaffenen Werten und bei gemeinsamen Kindern führt das oft zu größeren Konflikten und Ungerechtigkeiten, weil die Gesetzeslage nicht so klar wie bei Ehen ist", erklärt die Rechtsanwältin.

"Viele Menschen glauben, dass eine Trennung bei einer nichtehelichen Lebensgemeinschaft einfacher ist. Ein Irrtum."

Ob sich die Tendenz der vermehrt gewünschten Beratungsgespräche nach Weihnachten auch dieses beziehungsweise nächstes Jahr fortsetzt, kann Juliane Kister jetzt noch nicht absehen. "Das zeigt sich meist erst im Januar oder im Februar." Sollte es dieses Jahr nicht so sein, war Weihnachten 2011 ja vielleicht stärker ein Fest der Liebe als in den vergangenen Jahren - ganz so, wie es in den Medien und Werbeunternehmen immer glaubhaft versprochen wird.