Der "Bunte Hof", ehemaliger Adelssitz der Familie von Rössing in der Osterwiecker Altstadt, ist noch bis zum Ende des Monats Lern- und Arbeitsort für bis zu elf Wandergesellen aus ganz Deutschland.

Osterwieck l "Viele Betriebe bieten heute keine umfassende Ausbildung mehr, sie haben sich aus wirtschaftlichen Gründen spezialisiert und können häufig die traditionellen Techniken nicht mehr optimal vermitteln", sagt Zimmermann Chalid Plato. Er hat vor 23 Jahren im Jemen das Licht der Welt erblickt. Die Liebe zum Handwerk und Reisen wurden ihm schon in die Wiege gelegt. Sein Vater bildete als Entwicklungshelfer im Jemen junge Menschen im Kfz-Handwerk aus. "Wandergesellen lernen auf ihrer Reise die unterschiedlichsten Betriebe im In- und Ausland und deren Arbeitsschwerpunkte kennen", sagt Plato. Und er beschloss nach seiner Lehrzeit, wie früher im Handwerk üblich, für drei Jahre als Wandergeselle zu reisen.

Der Aufenthalt in Osterwieck hat ihm dabei viel gegeben. "Unser Betreuer Volker Baesler ist Meister im Tischler- und Zimmererhandwerk und auch noch staatlich geprüfter Restaurator im Bereich Holz. Bei ihm können selbst ausgelernte Tischler und Zimmerleute noch unglaublich viel lernen."

Das bestätigt sein Kollege Moritz Meyer aus Saarbrücken. "In meiner Heimatregion gibt es nicht so viele Fachwerkhäuser. Holzverbindungen wurden nicht traditionell mit Zapfenloch und Zapfen, sondern meist ingenieursmäßig mit Nagelverbindern, Schrauben und Bolzen hergestellt."

Der "Bunte Hof" in Osterwieck ist kein gewöhnliches Sanierungsobjekt, es ist ein Modellprojekt mit landesweiter Bedeutung. In dem vom Deutschen Fachwerkzentrum Quedlinburg betreuten Theorie- und Praxisseminar verrichten die jungen Handwerksgesellen unter fachlicher Anleitung spezielle Arbeiten bei der denkmalgerechten, ökologischen und nachhaltigen Sanierung.

Lernen, was man in der Berufsausbildung nicht erfährt

Auch Simon Tödter, Steinmetz aus einem kleinen Ort im Rheintal bei Klewe, ist vom Sinn dieses Seminars überzeugt: "Wir lernen hier sehr viel über dieses alte Gebäude, über alte und neue Techniken bei der Instandsetzung von Fachwerkgebäuden, über die energetisch und bauphysikalisch korrekte Wärmedämmung. Darüber habe ich in meiner Lehrzeit wenig erfahren. Bei Klaus Mehlhorn lernen wir jetzt alles über das Ausmauern mit Lehmsteinen, Staken, Flechtwerk und das Putzen mit traditionellen Materialien." Mehlhorn gehört zu den Anleitern aus dem Fachwerkzentrum.

Die vier Tischlergesellen kümmern sich im "Bunten Hof" unter anderem um das vorsichtige Entfernen der historischen Fußbodendielen sowie die Instandsetzung einiger Innentüren, die früher unsachgemäß repariert worden waren. "Die Fehlstellen im Bereich des Schlosskastens bei dieser Tür waren einfach mit Spachtel zugeschmiert worden. Wir haben stattdessen ein passendes Reparaturstück angefertigt und eingeleimt", schildert die einzige weibliche Wandergesellin im Team, Madeleine Pohl aus der Nähe von Hamburg. "Die modernen Farbschichten haben wir behutsam mit einem Skalpell entfernt. Für so etwas war in der Lehrzeit kein Platz - wegwerfen und neu bauen war die Regel!"

Mit Starkbier Holz aufmöbeln

Die jungen Tischler und Zimmerleute erfuhren vom Holzschutzfachmann Roland Becker viel Wissenswertes über Schadensbilder am Fachwerk und entsprechende Sanierungsmöglichkeiten. So konnten sie anschließend an der Südfassade einige marode Holzteile sauber herausschneiden und durch gesundes Holz ersetzen.

Großes Interesse zeigten die Wandergesellen auch beim Thema Bierlasur. Maik Sommerfeld, ehemaliges Mitglied der Jugendbauhütte und Maler von Beruf, zeigte den jungen Leuten, wie man mit abgestandenem Starkbier, verschiedenen natürlichen Pigmenten, speziellen Pinseln, Metallkämmen und einer Porenwalze eine weiß grundierte Tischlerplatte in eine täuschend echt aussehende Eichenplatte verwandeln kann. So verschönerten unsere Vorfahren Türen, Schränke, Decken und Wände.

Osterwiecker laden Gesellen zum Essen ein

Claudia Hennrich, die Leiterin des Fachwerkzentrums Quedlinburg und des Sanierungsprojektes "Bunter Hof", stellte den jungen Handwerksgesellen auch das Gesamtkonzept und die Ergebnisse der Hausforschung vom "Bunten Hof" vor. Die Vorbereitung der drei Seminarwochen sei äußerst aufwändig gewesen, sagt sie. "Ich bin sehr zufrieden mit diesem Seminar. Die jungen Leute zeigen jetzt großen Respekt vor alten Bauwerken, sie gehen behutsam ans Werk, für sie sind Alt-Materialien wertvoll, sie achten jetzt mehr auf Nachhaltigkeit und geben ihre Erfahrungen in Zukunft an andere weiter." Auch Osterwiecker unterstützen das Projekt. Gastronomen luden die Gesellen zum Essen ein, ebenso einige Bürger.

Die zehn männlichen Wandergesellen gehören übrigens dem Rolandschacht an, einer Ende des 19. Jahrhunderts gegründeten Zunft reisender Bauhandwerker. Diese müssen einen Gesellenbrief in der Tasche, dürfen aber keine Frau, keine Kinder, keine Schulden und keine Vorstrafen haben. Sie müssen immer mehr als 60 Kilometer Abstand von ihrem Heimatort halten. Drei Jahre und einen Tag dauert ihre Reisezeit. Zum Abschluss des Seminars findet in Osterwieck ein größeres Fest mit noch weiteren Wandergesellen des Rolandschachtes statt.

 

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