Gardelegen l Unsichere Zeiten für die Belegschaft der IFA-Antriebstechnik GmbH: Mit dem 1. Januar 2012 sollte die japanische NTN Corporation die Firmenmehrheit in Gardelegen übernehmen. Nun gibt es wohl andere Pläne. "Wir werden strategisch mit NTN zusammenarbeiten, aber keine Führungsposition mehr übernehmen", hatte IFA-Hauptgesellschafter Heinrich von Nathusius im Herbst 2010 im Gespräch mit der Volksstimme versichert. Da hielt der japanische Konzern NTN bereits Anteile von 25 Prozent an der Gardeleger IFA-Antriebstechnik. Geplant war die mehrheitliche Übernahme zum 1. Januar 2012.

Ausgangspunkt für diese Entscheidung der Firmenspitze war der Kauf des Wellenspezialisten ROTORION aus Friedrichshafen durch IFA. Mit dessen Übernahme und Produktionsverlagerung nach Haldensleben hatte sich der Produktionsschwerpunkt von IFA laut Nathusius auf die Produktion von Längswellen für heck- und allradangetriebene Fahrzeuge verlagert. In Gardelegen indes werden Seitenwellen produziert. Und so war die Abgabe des Gardeleger Unternehmens an NTN ein nachvollziehbarer Schritt, auch für die hiesige Belegschaft. Zumal die Auftragsbücher in Gardelegen dank langfristiger Verträge nach wie vor gut gefüllt sind. Sichere Arbeitsplätze also, unabhängig vom geplanten Führungswechsel.

Austritt aus Arbeitgeberverband

Davon, dass ein solcher wie vorgesehen zum Jahresende stattfinden soll, ist laut Aussagen von Mitarbeitern nunmehr allerdings fraglich. IFA-Hauptgeschäftsführer Heinrich von Nathusius selbst sorgte nach Informationen der Volksstimme kürzlich während einer Belegschaftsversammlung im Gardeleger Werk für eine große Überraschung.

Denn der Firmenchef setzte seine Mitarbeiter im Beisein des Betriebsrates und von Geschäftsführer Clemens Aulich darüber in Kenntnis, "dass er die Mehrheit an der Gardeleger Gesellschaft behalten möchte", so einer der Angestellten. Allerdings habe von Nathusius eine Bedingung gestellt, informiert der Mitarbeiter, dessen Name der Redaktion bekannt ist. Die Belegschaft sollte sich damit einverstanden erklären, dass sie einem Austritt aus dem Arbeitgeberverband zustimmt und somit auf die Tarifbindung innerhalb der Arbeitsverträge verzichtet. Der Termin für die Abstimmung sei schließlich gleich festgelegt worden. Einen Tag zuvor habe sich laut Aussagen des IFA-Mitarbeiters der Betriebsrat allerdings noch einmal bei der NTN Cooperation - das Unternehmen hat in Deutschland seinen Sitz im nordrhein-westfälischen Erkrath - rückversichern wollen. Denn von der Zusage des japanischen Herstellers, die IFA Gardelegen zu übernehmen, waren die Angestellten bislang schließlich fest ausgegangen. Doch auch dieser Termin war eine Überraschung für die IFA-Leute in Gardelegen: Denn vor Belegschaft und Betriebsrat, allerdings in Abwesenheit der Geschäftsführung, hätten die NTN-Vertreter den Gardelegern versichert, dass "für sie kein Zweifel besteht", dass Herr von Nathusius seine Anteile behalten wolle. "Sie haben überhaupt nicht verstanden, dass es eine Abstimmung geben soll", so der Insider. Dennoch ging diese wie geplant über die Bühne. Zwei Fragen sollten die Mitarbeiter auf dem Umfrageblatt beantworten: Zum einen habe von Nathusius wissen wollen, ob die Belegschaft weiterhin für die IFA oder aber ab Januar für die NTN arbeiten wolle. Zum anderen sei noch einmal der angekündigte Austritt aus dem Arbeitgeberverband thematisiert worden. Auch hier sei hinterfragt worden, ob die Mitarbeiter diesen Schritt mittragen würden.

Gespräche noch vor Weihnachten

Eine Woche später schließlich erfahren die Angestellten, wie die Umfrage ausfiel. Das Ergebnis ist diesmal allerdings keine Überraschung: Die Mehrheit habe sich für die NTN als neuen Arbeitgeber entschieden, so der IFA-Mitarbeiter. Gleichzeitig habe ein weiterer Aushang darüber informiert, dass zwischen den kommenden Festtagen mit Mehrarbeit zu rechnen sei. Eine Aussage, die vielleicht nicht jedem Gelenkwellenbauer gefiel, deren positiver Hintergrund - nämlich eine gute Auftragslage - aber eigentlich Grund zur Freude ist. Grund zur Sorge ist derzeit indes die völlig ungeklärte Situation im Unternehmen. So seien viele Kollegen "völlig verunsichert", beschreibt der Mitarbeiter die Stimmung im Werk. Würden die Beschäftigten ab Jahresbeginn für die japanische NTN Corporation arbeiten, "hätten ja längst Gespräche zu Überleitungsverträgen stattfinden müssen". Dass es Gespräche geben wird, bestätigt schließlich Guido Steffen, Mitarbeiter der Werkleitung in Gardelegen, auf Anfrage der Volksstimme. Welcher Art diese sein werden, lässt er indes offen. "Bitte haben Sie Verständnis dafür, dass wir zunächst unsere Mitarbeiter informieren möchten, ehe wir in die Öffentlichkeit gehen", sagt Steffen, der in der Vergangenheit auch der Verbindungsmann zum japanischen Teilhaber war.

In Erkrath, der NTN-Firmenzentrale, ist hingegen niemand zu einer Stellungnahme bereit. Und auch IFA-Geschäftsführer Clemens Aulich in Haldensleben möchte sich nicht äußern. Der Bitte nach einem Interview könne derzeit leider nicht entsprochen werden, informiert Assistentin Kathrin Krull. In Gardelegen ist Guido Steffen zumindest bereit, eine ungefähre zeitliche Angabe über jene Gespräche zu machen, die über die Zukunft von gut 100 Beschäftigten entscheiden werden: "Wahrscheinlich noch vor Weihnachten", sagt Steffen.