Schützenvereine gestalten das kulturelle Leben seit vielen Jahrzehnten aktiv mit. Die Volksstimme stellt in einer Reihe die Vereine in der Westlichen Börde vor. Heute Teil I: Der Schützenverein 1825 Wulferstedt.

Wulferstedt l Im Jahre 1818 soll nach mündlicher Überlieferung erstmals ein sogenanntes "Friescheiten" in Wulferstedt stattgefunden haben. Es wird vermutet, dass sich auf diesem Wege ehemalige Teilnehmer der Freiheitskriege zusammenfanden, um sich im Schießen zu üben. Diese erste Schützengesellschaft wurde von zwei Schützenherren geleitet, die sämtliche Formalitäten bezüglich des Königsausschießens übernahmen. Als Sieger gab es zu dieser Zeit nur den Schützenkönig.

In alten Rechnungsbüchern der Schützengesellschaft aus den Jahren 1827 bis 1843 fanden die Wulferstedter Schützen wertvolle Hinweise und Informationen über die erste Entwicklung dieser Gesellschaft. Anfangs wurde zwei Tage auf dem Anger unter den Wellerwänden, dem heutigen Friedhof, gefeiert. Der Schießstand, so heißt es weiter, war nur eine Bude und der Tanzboden eine Konstruktion aus Brettern und Balken. Zu den ersten Schützenkönigen von 1827 bis 1843 zählten Christoph Ahrens, Christian Knochenhauer, Andreas Kräker, Friedrich Krüger, Friedrich Dippe, Andreas Schröder, Freidrich Müller, Andreas Detmer, Friedrich Brinkmann, Christoph Möring, Friedrich Knochenhauer, Martin Eitze und Andreas Jäger. Einen ersten Kinderkönig gab es bereits 1832.

Ab 1850 wurde auf dem heutigen Wulferstedter Festplatz dann schon stolze drei Tage gefeiert, wobei ab 1872 ein Sonnabend als Kindertag dazu kam. Zwei Jahre später begann man mit dem Bau eines Schützenhauses mit Kugelfang auf dem heutigen Sportplatz. Einem alten Protokollbuch war zu entnehmen, dass die damalige Schützengesellschaft im Jahr 1925 das 100-jährige Bestehen feierte. Der Wulferstedter Erich Schmidt stiftete dazu eine Königskette, die dem Verein bis heute erhalten geblieben ist.

Dem Leser wird auffallen, dass die Wulferstedter Schützenfeste schon immer eine ganz besondere Tradition im Bruchdorf darstellten und schon damals gebührend gefeiert worden sind. Viele dieser geliebten Schützenfeste feierte man bis zum Krieg, bevor dieser Tradition ein plötzliches Ende gesetzt wurde.

Nach dem Zweiten Weltkrieg tat man sich schwer mit einer Neugründung des Schützenvereines, denn die langjährige Tradition im alten Sinne durfte nicht mehr sein. Mit der Gründung der GST im Jahre 1952 ergab sich aber dennoch die Voraussetzung für das Ausschießen eines Bestschützen. Ein 1957 ernannter Vorstand mit Heinrich Hinze als Hauptmann, Ernst Breitmeyer als Leutnant sowie Alfred Einbeck und Richard Oppitz als ersten und zweiten Vorsitzenden plante dann das Aufleben der alten Tradition in Form eines richtigen Schützenfestes.

Dieses fand dann 1958 statt, wurde ausgelassen und bei drei Tagen Dauerregen im neuerbauten Rinderoffenstall der LPG gefeiert. Schützenkönig wurde Max Bergemann, der seine beste Trefferquote in der Wulferstedter Sandkuhle schoss. Der Bann war gebrochen und obwohl die Organisation dieser Festlichkeiten nicht immer einfach war, hielten die Wulferstedter fest zusammen und lockten viele Gäste aus den umliegenden Orten nach Sockenland.

Bis zum Jahr 1989 feierte man das jährliche Schützenfest mit allen Höhen und Tiefen, krönte dabei die Schützenkönige, den Pusterohrkönig und die beste Kranzläuferin, und machte Wulferstedt trotz vieler Schwierigkeiten mit einem nunmehr viertägigen Volks- und Schützenfest über die Kreisgrenzen hinaus bekannt. Zur Tradition zählte dabei der Aufbau des großen Festzeltes mit vielen Helfern aus dem Dorf und der nicht wegzudenkenden Technik der damaligen LPG.

Auch Kapellen, wie "Sense Sieland" und die "Gloria Band" begleiteten die Umzüge durch Wulferstedt sowie Tanzabende und Frühschoppen über viele Jahre hinweg. Ein ganzes Dorf war auf den Beinen, wenn die Majestäten mit lauter Musik und vielen Beteiligten von zu Hause abgeholt wurden. Zu den weiteren ersten Vorsitzenden im Laufe der Jahre zählten Willi Grosse und Heinz Meyer.

Neugründung nach Mauerfall und der Wiedervereinigung

Dann kam die politische Wende. Für den Schützenverein Wulferstedt gab es einen Neuanfang in einer neuen Zeit. Zu dieser Zeit war Rainer Dippe der erste Vorsitzende im Verein. Im Jahre 1990 trugen sich 57 Männer und Frauen unter der Nr. 1 in das Vereinsregister des Kreises ein und nannten sich nun "Schützenverein 1825 e.V. Wulferstedt". Im Rahmen der 1025-Jahrfeier von Wulferstedt im Jahre 1992 wurde die nunmehr sechste Vereinsfahne des Schützenvereines durch Pastor Braun geweiht. Noch immer gehören die jährlichen Schützenfeste zu einem außergewöhnlichen kulturellen Höhepunkt in Wulferstedt, und noch immer feiern die Schützen mit ihren zahlreichen Gästen ganze vier Tage. Seit mehr als 30 Jahren ist auch der Vergnügungspark Sperlich dabei, ebenso wie Festwirt Alfred Simon, der auf stolze 20 Jahre gastronomische Begleitung zurückblicken kann. Auch das Oschersleber Blasorchester sorgt noch immer für vier Tage Stimmung und Ausgelassenheit.

In den folgenden Jahren erfüllten sich die Schützenschwestern und Schützenbrüder einen lang gehegten Wunsch. Ein neues Vereinshaus wurde gebaut. Hier flossen nicht nur zahlreiche Stunden in Eigenleistung der Mitglieder in das Gebäude, sondern auch materielle Finanzierungen in Form von Bausteinen. Das neue Heim wurde am 20. Mai 2000 eingeweiht und begleitete mit seiner neuen Pracht das 175-jährige Bestehen des Schützenvereines Wulferstedt.

Seit 1994 ist Carsten Dippe das Vereinsoberhaupt der Wulferstedter Schützen. Noch immer hat die Tradition der Schützenfeierlichkeiten in Wulferstedt nicht nachgelassen. Im Gegenteil - seit vielen Jahren feiert man noch immer ganze vier Tage mit zahlreichen Gastvereinen und Gästen. Neben dem jährlichen Volks- und Schützenfest gibt es im Verein eine Reihe weiterer Höhepunkte über das ganze Jahr verteilt. Dazu zählen weitere Schießwettbewerbe auf Vereins- oder Kreisebene, das beliebte Schweinepreisschießen, die Grünkohlwanderung und der Schützenball, der einst aus dem früheren "Helferball" entstanden ist.

Die Mitglieder des Wulferstedter Schützenvereines sind stolz auf ihre lange und lückenlose Vereinsgeschichte, die Dank vieler Stunden Arbeit und aufmerksamer Recherche aufgearbeitet werden konnte. Viele Informationen wurden aus alten Rechnungs- und Protokollbüchern entnommen, die teilweise in den Familien weitergegeben oder in alten Truhen auf Dachböden gefunden wurden. Das älteste Rechnungsbuch wurde erst im Jahr 2000 entdeckt und stammt aus dem Jahr 1818.

In mühevoller Kleinarbeit wurde die Geschichte des Vereines in einer Chronik mit allen Majestäten und Ereignissen niedergeschrieben. Seit einigen Jahren gibt es auch Fotobücher, in denen die Momente der jährlichen Feierlichkeiten festgehalten sind.

 

Bilder