Nach dem Unfall am Wanzleber L50-Bahnübergang, bei dem am vergangenen Freitagabend der querende Güterzug mit einem Lkw zusammengestoßen war, hat gestern die Straßenverkehrs- behörde zu einem Vorort-termin eingeladen. Die Stadt sowie der Landkreis fordern eine bessere Ausleuchtung des Abschnitts sowie eine neue technische Sicherung.

Wanzleben l "Jedes Parkhaus ist besser beleuchtet als dieser Bahnübergang", wettert Bauamtsleiter Olaf Küpper beim Vororttermin in Wanzleben am Gleisbett. Die Straßenverkehrsbehörde des Landkreises hat einer "Sicherheitsschau" an der L50 geladen, nach dem am vergangenen Freitagabend ein Lkw und ein Güterzug an dieser Stelle zusammengestoßen waren. Es gab keine Verletzten.

"Glücklicherweise. Dieser Bahnübergang ist eine absolute Gefahrenquelle. Es muss wieder für eine technische Sicherung gesorgt werden, so wie es sie hier bereits vor Jahren gegeben hat. Als der Betreiber die alte Schrankenanlage entfernt hat, hätte etwas Gleichwertiges errichtet werden müssen. Dass die Deutsche Regionaleisenbahn und das Land sich zu dieser Sicherheitsfrage nun in einem Rechtsstreit befinden, nützt hier keinem etwas. Nicht wenn hier heute und morgen Leute zu Schaden kommen können", sagt André Pietz von der Leipziger Eisenbahnverkehrsgesellschaft (LEG). Das Unternehmen schicke seine Züge auf die Gleise des DRE-Betreibers (Deutsche Regionaleisenbahn), um so zur Zuckerfabrik zu gelangen.

André Pietz, der zum Zeitpunkt des Unfalls selbst mit vor Ort war, meint, dass damals dem Abbau der alten Anlage nie hätte zugestimmt werden dürfen. Auch wenn sie nicht mehr dem neuesten Stand der Technik entsprochen hätten. "Wahrscheinlich sorgen die Verantwortlichen erst dann wieder für mehr Sicherheit, wenn hier ein vollbesetzter Reisebus verunglückt."

Diese Sorge teilt auch Anlieger Willi Kemmer. "Spätestens dann wird Geld für ein Gedenkstein vorhanden sein", merkt der 62-jährige Metallbauer sarkastisch an, der auf den Missstand am Übergang seit Anfang 2011 aufmerksam macht. Er fordert seither eine neue Lichtsignalanlage.

Auch Bürgermeisterin Petra Hort (Die Linke) spricht sich im Auftrag des Stadtrates für mehr Sicherheit aus. Sie fordert, dass wieder eine Schrankenanlage installiert wird.

"Wir als Stadt waren 2008 mehr als überrascht darüber, dass der Betreiber die Schranke einfach so abbauen durfte", meint Bauamtsleiter Küpper verwundert. "Und das bei diesem hohen Verkehrsaufkommen."

Um hier Unfälle künftig zu verhindern, müsse der rollende Verkehr aus beiden Fahrtrichtungen erst einmal gestoppt werden, bevor der Zug den Übergang passieren könne, meldet sich Burkhard Meyer, Geschäftsführer des Fuhrunternehmens Börde-Trans zu Wort. Ein einzelner Sicherungsposten, der von der Lok steigt, um manuell den Verkehr zu stoppen, reiche ganz offensichtlich, wie der Unfall gezeigt habe, nicht aus.

Der 48-jährige Lkw-Fahrer hatte nach dem Unfall der Polizei erklärt, dass er beim Kreuzen des Überganges keinen Sicherungsposten gesehen habe.

"Das Andreaskreuz bringt keinen zum Anhalten"

André Pietz von der LEG

"Den Verkehr sicher zum Stehen zu bringen, funktioniert nur mittels einer Signalleuchte", meint André Pietz von der LEG aus Erfahrung. "Das Andreaskreuz allein bringt keinen zum Anhalten."

Der Bioethanolzug passiere Wanzleben auf dem Weg zum Zuckerwerk in der Regel zwei- bis dreimal die Woche, erklärt Geschäftsführer Dr. Albrecht Schaper von der "fuel 21", die zur Nordzucker-Gruppe gehört. Auf dem Rückweg nach Magdeburg habe der beladene Güterzug meist 1000 Tonnen Bioethanol, verteilt auf bis zu 18 Waggons, "an Bord", berichtet Schaper. Zum Unfallzeitpunkt waren die Waggons leer.

"Doch was wäre passiert, wenn die Kessel befüllt gewesen wären?", fragt Anlieger Kemmer in die Runde. Schließlich sei Bioethanol brennbar. "Ich sehe hier ebenfalls Gefahrenpotential und spreche mich für eine Beschrankung aus", meint Bauamtsleiter Küpper.

"Der Bahnübergang an der L 50 ist aktuell in einem zulässigen Zustand", sagt bei dem Gespräch der Landesbeauftragte der Eisenbahnaufsicht Thomas Bernhardt.

"Der Betreiber hat hier vor rund vier Jahren die Signalanlagen aufgehoben. In wie weit diese jedoch zurückgebaut werden durften und wieder aufgebaut werden müssen, ist zu klären. Dazu läuft derzeit ein Rechtsstreit."

Wann mit einem Ergebnis zu rechnen sei, könne er nicht sagen. "In Köln sind für die Klärung solch eines ähnlichen Falls schon mal drei Jahre ins Land gegangen", sagt er.

Das Verkehrsministerium hat bereits Anfang der Woche auf Nachfrage erklärt, dass das Land zum Planfeststellungsverfahren im Juni 2012 eine Anordnung eingebracht habe. "Dagegen hat die DRE Klage ohne Begründung eingereicht", so Ministeriumssprecher Bernd Kaufholz.

Landkreismitarbeiter Fritz Wilding: "Der Ausgang der Klage dauert und dauert. Es wäre schön, wenn sich alle einigen könnten." Er fordert deshalb von den Verantwortlichen kurzfristige Problemlösungsstrategie: "Wir sollten an die Zukunft denken und die Sicherheit am Übergang erhöhen."

So frostig wie die eisigen Temperaturen bei dem Treffen ist am Ende auch die Stimmung. Während der Diskussion um realisierbare Sicherheitskonzepte kochen die Gemüter hoch.

"Dass jetzt erst einmal vor Gericht geklärt wird, ob die Schranke überhaupt hätte abgebaut werden dürfen, ist nach vier Jahren ein Witz. Als wir den Kreisel saniert haben, hat die Stadt auf ein Signal seitens der Bahn gewartet. Doch passiert ist nichts", ärgert sich Küpper.

Dass deshalb bereits "Leerrohre" für die technische Sicherung in der Erde liegen würden, weiß Wilding zu berichten.

"Die DRE darf zusätz- liche Lampen klemmen."

Bauamtsleiter Olaf Küpper

Küpper sagt zu, dass die DRE, um den Bereich ab sofort besser auszuleuchten zu können, zusätzliche Lampen an das System der Stadt anschließen könne.

DRE-Mitarbeiter Ronny Däweritz, zuständig im Unternehmen für Instandhaltungen, kann dazu vor Ort noch kein grünes Licht geben. Über den Vorschlag müsse erst intern beraten werden, sagt er. Nächste Woche wolle er dem Bauamt mitteilen, ob die DRE das Stadt-Angebot für eine verbesserte Beleuchtung annehmen werde oder nicht. Er sagt aber zu, dass die Andreaskreuze auf beiden Fahrbahnseiten "an einer Art ,Galgenkonstruktion\' neu montiert werden würden, um so besser erkennbar zu sein.

"Knackpunkt ist wie immer das Geld."

Bürgermeisterin Petra Hort

Knackpunkt bei der Forderung nach einer komplett neuen Schrankenanlage sei ganz offensichtlich, wie immer das Geld, merkt Bürgermeisterin Hort sichtlich enttäuscht an. "Wenn es um die Finanzierung geht, bekommen immer alle kalte Füße und ziehen sich auf ihre Verordnungen zurück. Hier geht es aber um die Sicherheit der Bürger und dann müssen auch mal Entscheidungen getroffen werden", sagt sie in Richtung des DRE-Mitarbeiters.

Der schätzt, dass sich die Kosten für den Bau einer Schrankenanlage auf 250000 Euro belaufen würden. Die Finanzierung müsste dann zu je einem Drittel vom Konto der Stadt, des Landes sowie des Infrastrukturbetreibers gebucht werden. Nach einer "entscheidungsarmen" Stunde zieht Wilding sein Fazit: "Ganz so schneidige Lösungen haben wir nicht gefunden, nur Ansätze. Auch der Übergang Richtung Domersleben müsste neu abgesichert werden." Die Behörde werde zudem prüfen, ob auf der L50-Anfahrtsstrecke zum Gleis eine Geschwindigkeitsreduzierung Sinn machen würde.

 

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