Klaus Götz aus Wittenberg hält sich zur Anschlussheilbehandlung in der Barbyer Reha-Klinik auf. Als Gehbehinderter schrieb er jetzt an den Bürgermeister, machte auf ein Problem aufmerksam, das sich aus seiner Sicht auftat.

Barby l "Verlässt man als Behinderter die Klinik in Richtung Stadtkern, so sinkt die Stimmung auf den Nullpunkt", schreibt Klaus Götz in einem Leserbrief an die Volksstimme. In öffentlichen Gebäuden, wie Rathaus und Haus der Begegnung, haben Rollstuhlfahrer keine Chance hineinzukommen.

Dieser Satz steht im Kontrast zu den positiven Erfahrungen, die der Patient aus Wittenberg derzeit in der Klinik machen würde: kompetente medizinische Betreuung, intensive Hygiene, gutes Essen. "Wenn ich mit meinem Elektrorollstuhl zum Netto-Supermarkt möchte, ist das mit Schwierigkeiten verbunden", sagt der 70-Jährige. Auf Höhe des Marktes finde er keine Bordabsenkung am Fußweg Wilhelmsweg. "Ich benutze dann immer die Grundstücksausfahrt der Metallbaufirma und fahre mit eingeschalteter Warnblinkanlage auf der Straße lang", so Götz. Was alles andere als "angenehm und sicher" sei. Der Rollstuhlfahrer berichtet von Kraftfahrern, die ihm gestenreich klar machten, was sie von langsam fahrenden Rollstühlen auf Landesstraßen hielten.

"In der Reha-Klinik befinden sich pro Durchgang etwa 200 mehr oder weniger gehbehinderte Patienten", weiß Klaus Götz, "von denen viele zum Netto-Supermarkt in der Nähe gehen". Dort würden die kleinen Dinge des täglichen Bedarfs eingekauft. Im Markt sei alles in Ordnung, weil man ebenerdig und ohne Drehkreuzbehinderung einfahren könne.

"So verwundert es mich doch sehr, dass die Stadt Barby im eigenen Interesse, die Stadt nicht behindertenfreundlicher gestaltet", schrieb er am 4. Februar an den Bürgermeister. Doch bis heute hat er weder Eingangsbestätigung noch Antwort. (Bürgermeister Jens Strube ist wegen einer Knie-OP derzeit selbst im Krankenhaus ...)

Schnee macht unsichtbar

Beim Ortstermin mit der Volksstimme stellte sich heraus, dass sich vis-à-vis des Supermarkt-Fußgängereingangs sehr wohl eine Bordsteinabsenkung am Wilhelmsweg befindet. Nur findet man sie gegenwärtig nicht, weil der Schneepflug den Bord zugeschoben hat.

Beobachtet man diesen Ort eine Weile, wird klar, dass Klaus Götz nicht der einzige ist, der das übersieht. Auch Menschen mit Rolllator nutzen die Absenkung einer privaten Grundstückseinfahrt, schieben dann schräg über die viel befahrene Straße, weil sie die "offizielle" Abfahrt nicht finden.

"Wenn es an dieser Stelle einen Fußgängerweg mit Zebrastreifen und Schildern gäbe, würde man die Bordabsenkung auch finden", urteilt der Mann aus Wittenberg. Nur gut hundert Meter weiter östlich gibt es ja einen. Er wurde Anfang der 1990er Jahre wegen des Plus-Supermarktes und der Grundschule an der Pömmelter Straße angelegt. Beide gibt es aber nicht mehr.

"Wenn das Straßenverkehrsamt mal wieder eine Verkehrszählung machen sollte, kann es sein, dass auch dieser Fußgängerüberweg wegrationalisiert wird", befürchtet Stadtrat Achim Blume, der am Wilhelmsweg wohnt. Da sei an eine Neueinrichtung bei Netto nicht zu denken. Was er damit sagen will: In den vergangenen Jahren wurden zwei solcher Übergänge in der selben Umgehungsstraße (Spittel und an der Froschvilla-Kreuzung) aufgehoben. Die amtliche Begründung: An der Landesstraße hätte die Verkehrsfrequenz nicht ausgereicht.

Und wenn man nur ein schlichtes Hinweisschild an der Netto-Bordabsenkung aufstellen würde?

"Wir sind seit Jahren angehalten, die Straßenverkehrslandschaft zu entschildern", sagt Uschi Käsebier vom Bauamt der Stadt. "Vielleicht sollten wir in diesem Sonderfall kreativ sein und uns ein besonderes Hinweiszeichen einfallen lassen", fügt sie aber hinzu.

Denn: Gesunden Menschen mögen derartige Gedankenspiele überzogen vorkommen. Doch Kranke sehen das anders. Bildlich gesprochen, denn in der Realität sehen sie eben schlechter. Wie Klaus Götz gesteht, habe seine Sehleistung infolge Diabetes stark abgenommen. Deshalb würde er einen "unorthodoxen Hinweis" begrüßen.

Bliebe noch seine provokante Frage im Brief an den Bürgermeister: "Ist die Stadt Barby behindertenfeindlich?"

Das fragte die Volksstimme Rita Gast (73) aus Barby, die infolge Kinderlähmung ihr Leben lang auf den Rollstuhl angewiesen ist. "Es hat sich unglaublich viel in den vergangenen Jahren zum Positiven verändert", schätzt sie ein. Im Altstadt-Sanierungsgebiet seien an den erforderlichen Stellen konsequent alle Borde abgesenkt worden. Freilich gebe es auch Stellen, wo das noch nicht so ist. So seien beispielsweise die Einmündungen der Hansa- oder Gethsemanestraße unüberwindbar.

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