Der Ortsname Glinde wird gerne mit dem Zusatz "Handballdorf" versehen. Vor 90 Jahren schlug dort die Geburtsstunde dieses Sports. Jetzt traf sich die zweite Generation der Feldhandball-Oldies an historischer Stelle.

Glinde l "Der war gar nicht so schlecht", hebt Ernst Maser anerkennend die Augenbrauen. "Durch den Sand konnte das Wasser gut ablaufen." Damit meint der 83-Jährige den ersten Sportplatz Glindes, der zwischen Elbdamm und Fluss lag. "Jaaa, aber bei Hochwasser", warf sein Gegenüber Gerhard Puder (68) ein, "mussten die Spiele ausfallen." Diese Fläche war nach dem Krieg begradigt und auf Wettkampfmaß gebracht worden. Die Zuschauer saßen wie einst im Zirkus Maximus auf der (Deich-) Schräge, um in fernsehloser Zeit Unterhaltung zu haben.

Dieser Dialog fand am vergangenen Sonnabend im "Goldenen Anker" statt, der für die Sportler nicht nur Gastwirtschaft war. "Siehst du die Haken an der Decke", zeigt Ernst Maser nach oben, "Da waren die Ringe befestigt." Bevor man vor 60 Jahren sein Bier trank, wurden im Saal Leibesübungen gemacht. Zum Beispiel, wenn der Sportplatz mal gerade wieder unter Wasser stand.

21 ehemalige Feldhandballer schwelgten in Erinnerung. Gerhard Puder hatte das Treffen organisiert, Helmut Puder die Namen recherchiert. Inspiriert fühlte man sich durch ein ähnliches Treffen, das vor Jahren in Ranies stattfand.

Ältester Teilnehmer ist Ernst Maser aus Ranies. Der 83-Jährige gilt in Sachen Feldhandball als wandelndes Geschichtsbuch. So erzählt er vergnügt, wie es war, als nach dem Krieg die erste gegen die zweite Generation antrat: "Wir jungen, unerfahrenen Hopser der Antifa-Jugend hatten gegen die Alten von 1923 kaum eine Chance." Denn Glinde hätte vor dem Krieg zusammen mit Magdeburg oder Hamburg in der Gauklasse gespielt, was mit der heutigen Bundesliga vergleichbar ist. (Gauklasse, Bezirksklasse, A-Klasse, B-Klasse, C-Klasse)

Doch die Zeiten änderten sich. Nach Glinde kamen auch junge Spieler aus Barby oder Pömmelte. "Wer hier eine Freundin hatte - und wir hatten \'ne Menge schöner Mädchen - wurde angesprochen und überzeugt", lächelt Gerhard Puder. Überhaupt sei man sportlich breit aufgestellt gewesen. "Es gab ja kaum einen Jugendlichen, der nicht irgendwo mitmachte. Anderenfalls blieb er ein Außenseiter." Sätze wie diese klingen heutigen Sportlehrern und Trainern wie Musik in den Ohren, ist es doch derzeit beinahe umgekehrt. "Wo sollten wir denn auch hin", erinnert sich Klaus Rust (73). "Die einzige Barbyer Turnhalle befand sich am Schloss. Und da hatten die Russen ihre Pferde untergestellt."

Mit dem Holzvergaser-Lkw

Die jungen Feldhandballer brachten ein gerüttelt Maß Idealismus mit. Der auch nötig war. Zu Wettkämpfen in Barby, Brumby, Borne, Calbe oder Westeregeln fuhr man mit einem Lkw der BHG-Pömmelte. "Der hatte noch einen Holzvergaser und war eigentlich nicht für den Personentransport zugelassen", erinnert sich Ernst Maser. Richtig "Luxus" sei Anfang der 1960er Jahre ein "H3A" der LPG gewesen.

Die Sportplätze befanden sich in einem Zustand, wo man den Ball nicht prellen (den Ball auf den Boden auftreffen und ihn wieder an sich nehmen) lassen konnte, weil der Rasen so buckelig war.

Wie die Glinder Chronik schreibt, wurde 1954/55 ein neuer Platz am Ortseingang errichtet, 1963 ein festes Sporthaus gebaut. In diese Zeit fiel auch die Einweihung des "Klaus-Schade-Sportplatzes". Mit diesem Namen erinnerte man an einen Handballer, der bei einem Sportunfall ums Leben kam.

Wenn Zeitzeuge Ernst Maser diese Geschichte erzählt, bewegt ihn das 60 Jahre zurück liegende Geschehen noch immer. "Klaus war ein richtig guter Kumpel mit viel Humor", sagt er.

Der Glinder Klaus Schade stieß 1951 während eines Wettkampfes in Calbe mit einem Mitspieler zusammen und brach sich zwei Halswirbel. "Als wir ihn zum Krankenwagen getragen haben, machte er noch Witze", erzählt Maser. "Packt meine Skatkarten ein\', hat er gesagt." Wenige Tage später verstarb er an den Unfallfolgen im Barbyer Krankenhaus.

Die Glinder Feldball-Tradition war dem Mangel geschuldet. "Natürlich hatte Glinde ... nie eine Chance, eine eigene Halle zu bekommen. Jedes Spiel wurde zum Auswärtsspiel", schreibt die Chronik. Erst mit Einweihung der Elbe-Sporthalle 1998 etablierte sich die modernere Form des Handballs in Glinde.

Zum Abschluss des geselligen Nachmittages im "Goldenen Anker", dringt Ernst Maser darauf, vorhandene Dokumente jener großen Zeit aufzubewahren. "Ich habe noch viele Fotos und andere Zeitzeugnisse. Wäre doch Schade, wenn das einmal den Bach runter geht", mahnt der 83-jährige Sportveteran.

 

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