Jahr für Jahr ein Stück weiter: Bauern pflügen mit ihren großen Maschinen so dicht an die Feldwege heran, dass sie an manchen Stellen zu bröckeln beginnen. Der Gemeinde ist das ein Dorn im Auge, auch weil es verbotenen Landraub darstellt. Dirk Natho appelliert zudem an den Naturschutz.

Welsleben/Biere l Der braune Ackerboden reicht bis an den Feldweg heran. Der mit Gras begrünte Randstreifen ist komplett verschwunden. Was auf einem gepflügten Feld zwischen Welsleben und Biere passiert, ist in der Einheitsgemeinde bei weitem kein Einzelfall.

Dirk Natho steigt aus seinem grünen Kombi und zeigt eine markante Stelle, bei der Schotter aus dem Unterbau des Feldweges herausgepflügt wurde. Böschung und Seitenrand fielen dem Pflug schrittweise bereits in den vergangenen Jahren zum Opfer. Der Welslebener Ortschaftsrat kennt den Bierer Landwirt, der dafür verantwortlich ist. Dirk Natho möchte einseitige Schuldzuweisungen vermeiden aber Verantwortliche für das Problem sensibilisieren, denn: "Weitere Landwirte in Bördeland handhaben das ähnlich", weiß der Geschäftsinhaber einer Süßmostkelterei.

Durch das grenzüberschreitende Pflügen sieht er Probleme auf vielen Ebenen. Im Rahmen von Flurneuordnungsverfahren sind mit Hilfe der Europäischen Union in jüngster Zeit in Bördeland viele neue Feldwege entstanden. "Letztendlich aus Steuergeldern", meint Natho. Entstandene Werte, auch für den Radtourismus, die durch das Ausdehnen der Ackerfläche beschädigt werden.

"Große Fahrzeuge können oft nicht mehr auf Feldwegen aneinander vorbeifahren."

Die Wege seien vielerorts so schmal geworden, dass große Fahrzeuge nicht mehr aneinander vorbeifahren können. An manchen Stellen drohen sie sogar mehr als einen Meter tief in einen Graben zu fallen.

Dirk Natho sieht das Problem aus einer weiteren Perspektive. Als Naturfreund und seit fünf Jahren auch als Jäger ist er viel in Wald und Flur unterwegs und ein stetiger Beobachter von Flora und Fauna. Das Unterpflügen von Banketten, Böschungen und Grünstreifen sei auch ökologisch schädlich. "Sie haben schließlich eine biotopverbindende Funktion und dienen der Artenvielfalt."

Als Mitglied im Naturschutzbund hält er die Grünstreifen sowohl für eine wichtige Nahrungsquelle als auch für einen Rückzugsort für Insekten, Kleintiere und Vögel. Wenn die mit Gehölzen, Kräutern und Wildblumen bewachsenen Streifen zunehmend verschwinden, dann fehle künftig ein wichtiger Teil der heimischen Kulturlandschaft, ist Dirk Natho überzeugt. Der Welslebener wirft dabei einen Blick zurück in die eigene Kindheit, als es zwischen den Äckern neben einem Sommerweg für Pferdegespanne noch einen befestigten Winterweg samt breitem Grünstreifen und zahlreichen Obstbäumen gab.

Aus betriebswirtschaftlicher Sicht eines Bauern ist es natürlich eine Milchmädchenrechnung, wenn sich sein Acker auf einer Länge von einem halben Kilometer schrittweise um zwei, drei oder mehr Meter verbreitert. Dabei gilt die einfache Formel: Mehr Fläche ist auch mehr Ertrag. Vor allem dieser Logik will Dirk Natho entgegentreten. Gerade in der Magdeburger Börde mit den besten Böden Deutschlands sei kein Bauer auf diese schleichende Annektierung von Ackerland angewiesen. "Es geht doch um Nachhaltigkeit, auch für künftige Generationen." Das Problem ist der Gemeinde ein Dorn im Auge und liegt seit längerem auf den Bürotischen. Die derzeitige Breite einiger gemeindeeigener Feldwege samt Grünstreifen stimme schon lange nicht mehr mit den Liegenschaftskataster überein, heißt es aus der Bierer Gemeindeverwaltung auf Volksstimme-Nachfrage. "Dazu muss man nicht erst den Zollstock ablesen, das ist an vielen Stellen schon auf den ersten Blick deutlich", sagt Amtsleiter Georg Skorsetz. Heißt im Klartext: Landraub. Und der ist verboten. In Kürze sei mit entsprechenden Landwirten ein Gespräch anberaumt, um eine für alle zufriedentstellende Lösung zu finden.

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