Drillinge wurden 2010 in Sachsen-Anhalt nicht geboren. In diesem Jahr übernahm Ministerpräsident Reiner Haseloff gleich drei Patenschaften. Eine davon in Schönebeck. Hier feiern heute Matilda, Karlotta und Florentine ihr erstes halbes Lebensjahr. Einen Einblick in ihren Alltag gewährte Familie Focke.

Schönebeck-Frohse l Es gibt einen Trick, der für junge Eltern oft die letzte Rettung ist. Wenn das wenige Wochen oder Monate alte Baby schreit und sich auch durch stundenlanges Herumtragen nicht beruhigen lässt, ziehen sie es warm an, packen das Würmchen in die Babyschale fürs Auto und fahren einfach los. Nach wenigen Minuten verstummt das Schreien, das Baby schlummert beruhigt vom Motorengeräusch. "Das funktioniert bei uns nicht", sagt Annika Focke. Die 34-jährige Schönebeckerin ist dreifache Mutter. Ihre Töchter werden heute genau sechs Monate alt. Matilda Luise, Karlotta Helene und Florentine Mattea kamen am 27. Juni als Drillinge auf die Welt. Und ehe die drei Mäuse für den Ausflug fertig gemacht sind, hat sich der Stress nur potenziert.

"Matilda und Karlotta sind eineiige Zwillinge, Florentine hatte eine eigene Fruchthöhle", erklärt der stolze Vater Jan Focke. Die Mädchen sind das Ergebnis einer geglückten künstlichen Befruchtung. Bis zuletzt bangte das Paar, ob alles gut gehen würde. In der 33. Woche kamen die Kinder zur Welt, wobei Florentine ihren beiden Schwestern vermutlich das Leben rettete. Annika Focke lag für zwei Monate in der Uniklinik in Magdeburg, für einen Mittwoch war die Geburtseinleitung angesetzt. "Am Montag aber hat Florentine ihre Fruchtblase zertreten, wie die Ärzte rekonstruiert haben", erinnert sich der junge Vater. "Das Fruchtwasser der Zwillinge war bereits ganz grün und stank. Zwei Tage wäre das nicht mehr gut gegangen."

Mit je 1600 Gramm kamen die Mädchen auf die Welt. Zwei Wochen wurden sie im Brutkasten gepäppelt. "Das war für uns eine gute Zeit, wir konnten uns an die Kinder gewöhnen", lobt Jan Focke die Betreuung durch Ärzte und Kinderkrankenschwestern. Dem Wunsch der Eltern nach einer schnellen Verlegung ins Schönebecker Krankenhaus wurde von der Krankenkasse und den Ärzten zugestimmt.

"Die Kosten für die Frühchenbetreuung müssen exorbitant hoch sein", vermutet Annika Focke. Zwei weitere Wochen verbrachten die Mädchen im Wärmebettchen, bevor sie nach Hause entlassen werden konnten.

Eltern kümmern sich nachts in Schichten um die Kinder

Erst da fingen die jungen Eltern an, sich um die Babyausstattung zu kümmern. "Ein Baby braucht noch kein fertig eingerichtetes Zimmer. Und wir wollten auch nicht drei Bettchen zuhause stehen haben, die wir im schlimmsten Fall nicht alle gebraucht hätten", erklärt Annika Focke rückblickend. Nach einem halben Jahr kann sie in ruhigem Ton darüber reden, welche Sorgen und Ängste sie hatten.

Viele junge Eltern fühlen sich in den ersten Tagen und Wochen der neuen Aufgabe nicht gewachsen. Und das schon bei nur einem Kind. Wie ist es dann bei drei Kindern? "Wir hatten die romantische Vorstellung, dass wir in unserem Bett liegen, die drei in ihrem zum Bett umfunktionierten Laufstall neben uns", erinnert sich Vater Jan an die ersten Tage zu fünft. Doch nach einer Woche gingen die Erwachsenen auf dem Zahnfleisch. Übernächtigt vom permanenten "An-der-Rolle-sein". Kaum war eine satt oder eingeschlafen, fing die zweite an, gefolgt von der dritten. Seitdem hat das Ehepaar Focke Schichten eingerichtet, damit jeder abwechselnd in der Nacht sechs Stunden Schlaf am Stück bekommt. Die Mädchen haben ihr Bett im Wohnzimmer, der "Wachhabende" schläft auf der Couch. Seither haben Fockes keine Nacht gemeinsam verbracht, aber sie haben die Hoffnung, dass sich das bald ändert, wenn sich die Schlafzyklen der Babys verlängern.

Überhaupt führen die Eltern derzeit ein gemeinsames Leben mit getrennten Aufgaben. "Alles gemeinsam machen zu wollen, zum Beispiel einkaufen, das haben wir aufgegeben. Das klaut zu viel Zeit", sagt Annika Focke. "Jan kann stundenlang mit den Mädchen spazieren gehen. Die Zeit nutze ich für den Haushalt oder die Einkäufe." Drei Waschmaschinen Babywäsche in der Woche, die Windeln werden im Internet im Abo bestellt und geliefert. Am Tag verbrauchen die Mädels etwa 20 Stück. Da helfen Tipps von anderen Mehrlingseltern. "In Foren hat man uns geraten, an die Hersteller von Babywaren zu schreiben. Netter Brief, Foto der drei dazu, das hat sich gelohnt", sagt Jan Focke schmunzelnd. Namhafte Firmen schickten Windeln, Babybrei, sogar Hochstühle.

Wegen des Kinderwagens gibt es Lieblingsgeschäfte

Trotzdem ist das meiste, das die Babys haben, gebraucht. Angefangen von den Anziehsachen bis hin zum Kinderwagen, der trotz second hand noch knapp 1000 Euro gekostet hat. Das orangefarbene Gefährt fällt auf in Schönebeck. Alle drei Babys liegen da nebeneinander. "Mit der Überbreite passen wir zum Beispiel nicht durch jeden Supermarkt, da hat man schnell Lieblingsgeschäfte", sagt der 33-jährige Vater. Jan Focke ist freischaffender Künstler. Da er seine Zeit freier einteilen kann, als viele andere berufstätige Männer, ist er seiner Frau eine große Hilfe. "Allein wäre das für mich nicht zu schaffen", sagt Annika, die als Personaldisponentin Vollzeit gearbeitet hatte und das nach ihrer Elternzeit ab November 2013 auch wieder machen möchte.

Inzwischen haben die Mädchen sich prächtig entwickelt und erste Unterschiede sind erkennbar: Florentine ist ein Kilo schwerer als die anderen beiden. Die Zwillinge scheinen sensibler zu sein. Sind sich aber selbst für ihre Eltern so ähnlich, dass beide kleine Tricks anwenden: "Karlotta ziehen wir gestreifte Sachen an, Matilda gepunktete", sagt Vater Focke schmunzelnd. Aber auch dabei sei es schon zu Verwechslungen gekommen, vor allem, wenn im Dusel der Nacht die Schlafplätze der drei vertauscht werden.

Wie jedes andere Elternpaar haben auch Fockes nur den normalen Anspruch auf Elterngeld. Das sind 67 Prozent des letzten Gehaltes von Annika, begrenzt auf ein Jahr. "Eltern in Deutschland sind toll abgesichert, keine Frage, aber in dem Fall zählen Drillinge wie ein Kind", sagt Annika.

Aber in einem sind Drillinge in Sachsen-Anhalt definitiv etwas Besonderes. Sie haben einen prominenten Paten: Ministerpräsident Reiner Haseloff. "Das war schon etwas, als er hier im Wohnzimmer saß", erinnert sich Jan Focke. Nett, ohne Berührungsängste sei er gewesen, habe die Babys auf den Arm genommen. "Wenn wir irgendwo mal Schwierigkeiten haben sollten, sollen wir ihn anrufen", erinnert sich seine Frau an ein Angebot des Ministerpräsidenten. Und an sein Versprechen, nach einem Jahr die Familie erneut zu besuchen. "Das hat bisher ja noch nicht mal unser Oberbürgermeister geschafft", sagt Jan Focke, der sich ein wenig über die Ignoranz in der Stadtverwaltung ärgert. "Unsere Mädchen haben alle zusammen die übliche Begrüßungsurkunde bekommen, zusammengefaltet in einem Umschlag", findet er schade, dass sich die Mädchen die einmal teilen müssen.