"Alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren." Das zumindest schreibt der Artikel 1 der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte von 1948 im Sinne der Gleichstellung der Geschlechter fest. Dass die Realität anders aussieht, daran soll der "Internationale Tag zur Beseitigung der Gewalt gegen Frauen", der gestern stattfand, erinnern. Staßfurts Gleichstellungsbeauftragte Christine Fischmann und Frauenhausmitarbeiterin Kristin Hacker machten aus diesem Anlass auf das Thema Gewalt an Frauen aufmerksam.

Staßfurt. Man möchte meinen, dass das Thema Gewalt gegenüber Frauen zumindest in westlichen Ländern keine Rolle mehr spielt. Schläge, Zwangs- prostitution, Vergewaltigung, Diskriminierung, Unterdrückung – diese Phänomene ordnen die meisten Menschen allenfalls Schwellen- oder Entwicklungsländern zu. Weit weg eben.

Doch weit gefehlt. Tagtäglich passiert es auch bei uns. In Deutschland, in Sachsen-Anhalt, im Salzlandkreis, in Staßfurt. Es passiert hinter verschlossenen Türen. Im stillen Kämmerlein.

Zwei Frauen, die beinah täglich mit diesem Thema Konfrontiert werden, sind Christine Fischmann und Kristin Hacker.

Christine Fischmann ist Gleichstellungsbeauftrage der Stadt Staßfurt. Kristin Hacker Leiterin des Staßfurter Frauenhauses. Beiden liegt die Aufklärung und Intervention in Sachen Gewalt gegen Frauen sehr am Herzen. "Wir müssen die Probleme ansprechen, zeigen wo Betroffene in unserer Stadt Hilfe bekommen und Menschen dazu auffordern, sich genauer im eigenen Umfeld umzuschauen", so die Gleichstellungsbeauftragte. Der "Internationale Tag zur Beseitigung der Gewalt gegen Frauen" scheint hierfür der ideale Anlass, sich Gehör zu verschaffen.

Hintergrund des Gedenktages ist die Ermordung von drei von vier Schwestern der Familie Mirabal. Diese wurden nach monatelanger Folter am 25. November 1960 in der Dominikanischen Republik vom militärischen Geheimdienst getötet, weil sie sich gegen den damaligen Diktator Rafael Trujillo gewehrt hatten.

Auch fünfzig Jahre nach der grausamen Tat sind die drei Frauen noch weltweit Symbol gegen Gewalt gegenüber Frauen. Sie stehen für jene Kraft, die es bedarf, um derartiges Unrecht zu bekämpfen.

Zweifelsohne ist die Situation in Lateinamerika nicht vergleichbar mit jener in Deutschland. Dennoch ist dies auch hier kein Randproblem, wofür sicher auch die vollbelegten Frauenhäuser ein Anzeichen sind. Nach Angaben des Bundesfamilienministeriums werden 37 Prozent aller Frauen zwischen 16 und 85 Jahren mindestens einmal im Leben Opfer von körperlicher Gewalt.

Diese Zahlen kann die Leiterin des Staßfurter Frauenhauses bestätigen. "Statistisch gesehen ist jede vierte Frau schon einmal Opfer häuslicher Gewalt geworden." Aber nur die Wenigsten würden daraus ihre Konsequenzen ziehen, geschweige denn, das sie Übergriffe zur Anzeige bringen.

Die Frauen, die zu Kristin Hacker ins Frauenhaus kommen, haben in der Regel eine lange Leidensgeschichte hinter sich. Oftmals eine viel zu lange. "Es ist unbeschreiblich, wie hoch die Toleranz bei diesen Frauen ist", sagt sie. Kommen sie ins Frauenhaus, ist zumeist schon etwas wesentlich Schlimmeres als eine Ohrfeige – was selbstverständlich schlimm genug ist – vorgefallen. Mit Opfern von brutaler Gewalt, Vergewaltigung und Unterdrückung hat sie beinah täglich zu tun – Frauen aus Staßfurt und Umgebung.

"Betroffen sind alle Gesellschaftsschichten", betont sie. Diese Erfahrung habe sie im Laufe der Jahre gemacht. Der Unterschied der Opfer liegt lediglich darin, wer sich von ihnen Hilfe sucht.

Auffällig sei, dass in vielen Fällen Alkohol im Spiel ist. "Betrunken und dadurch enthemmt kommt es wesentlich häufiger zu Übergriffen."

Doch nicht nur physische Gewalt ist ein signifikantes Problem. Auch psychische Gewalt. Demütigungen, Unterdrückung, Drohungen sind – und das wird häufig vergessen – eine ebenso brutale Form von Gewalt.

Dass Menschen dies bewusst wird, das ist das Anliegen des Internationalen Tages der Gewalt gegen Frauen. "Wir müssen lernen, besser hinzuschauen", sagt Christine Fischmann. Und man müsse vor allem auch einschreiten. Aus diesem Anlass hatten die beiden Frauen einen Weihnachtsbaum bei ihrer Aktion in der Staßfurter Löwenapotheke aufgestellt. Der Baum wurde mit kleinen Papier-Kerzen geschmückt, auf denen die Staßfurter ihre Haltung zum Thema Gewalt gegenüber Frauen niederschrieben.