Rathmannsdorf. Familie Pich aus Rathmannsdorf glaubte fast an eine Sinnestäuschung: Vor ihrem Wohnhaus in der Gartenstraße stand am vergangenen Sonnabendnachmittag ein junger Großtrappen-Hahn. Ohne sichtbare Scheu duldete er einen im Schritttempo vorbeifahrenden Pkw, und selbst Personen wurden bis auf etwa drei Meter Distanz toleriert.

Trotz äußerlich guter Kondition nahm er sofort das dargereichte Futter auf. Bevor der Vogel schließlich per pedes in Richtung Feldflur strebte, fertigte Birgit Hagemeyer noch schnell ein Foto an.

Männliche Großtrappen sind etwa einen Meter groß, wiegen 15 bis 18 Kilogramm, bei einer maximalen Flügelspannweite von 2,40 Meter.

Bei uns in ihrer Verbreitung auf Ostdeutschland beschränkt, verringerte sich der Bestand von 4000 Exemplare 1940 auf derzeit etwa 70 Vögel. Nach weitgehend künstlicher Aufzucht können sie nur in speziell eingerichteten Schutzgebieten mit permanenter menschlicher Hilfe überleben. Neben der Aufzuchtstation in Buckow bei Rathenow, leben Großtrappen noch in den Belziger Landschaftswiesen sowie im Fiener Bruch bei Genthin. Die aggressiven Bewirtschaftungsformen der Intensivlandwirtschaft verhindern die Verbreitung außerhalb dieser Gebiete.

Großtrappen sind normalerweise Standvögel, die jedoch bei geschlossener Schneedecke und der damit verbundenen Nahrungsverknappung zu Zugbewegungen tendieren. In den kilometerweit überschaubaren, ebenen Lebensräumen liegt die Fluchtdistanz gegenüber dem Menschen bei bis zu 500 Meter.

Die Vertrautheit der Großtrappe in Rathmannsdorf, wenn auch durch Hunger gefördert oder erzwungen, dürfte in Deutschland ein Novum sein.