Ein eingespieltes Team müssen Falkner, Vogel und Hund sein, um auf die Jagd zu gehen. Wolfgang Rost hat seine Habichtdame "Kira" seit drei Jahren und kennt die Besonderheiten. Damit der Vogel auf der Jagd das Gewehr ersetzen kann, braucht es viel Training, Einfühlungsvermögen und einen gesunden Respekt vor dem Tier.

Neundorf l "Na, heute ist sie ganz entspannt", sagt Wolfgang Rost. Vorsichtig und langsam kann sich der Gast der Anlage nähern. Hier im Garten des Einfamilienhauses in einer Neundorfer Siedlung ist Kiras Reich. Das Ensemble aus einem flachen, kleinen Häuschen, wie in Wildvogelgehegen von Tiergärten, einer Flugdrahtanlage und einem niedrigen Sitz ist eingezäunt. Weniger zum Schutz des Vogels als zum Schutz aller anderen Tiere, denn der Vogel verteidigt seine Anlage vehement, sagt Wolfgang Rost. Er kennt seine Kira ganz genau und weiß, dass sie heute relativ entspannt ist wegen des locker sitzenden Gefieders. Da unterscheidet sich der Habicht nicht vom Wellensittich, was die Körpersprache mit den Federn angeht. Mit ruhigen Bewegungen darf man sich der Habichtdame nähern. Während Wolfgang Rost sie auf dem Arm sitzen hat und die kurze Leine für die Fußfesseln in der Faust hält, lässt sie sich sogar an der Brust streicheln und schreit dabei aufgeregt.

"Toi, toi, toi, sag ich immer, mir ist noch nichts passiert", sagt Wolfgang Rost im Bezug auf die spitzen Krallen des Vogels, die Respekt einflößen. "Der Habicht tötet mit seinen Klauen, der Falke mit dem Schnabel", erklärt er den Unterschied zwischen den zwei meist genutzten Vogelarten bei der Jagd. Das bedeute jedoch nicht, dass Kira absichtlich etwas tun würde. Sie ist von klein auf an den Menschen gewöhnt. Aber der sensible Habicht könnte sich erschrecken und irgendwo festkrallen. Deswegen müssen Falkner stets mit Verletzungen rechnen. Falken sind zwar schreckhafter als Habichte und bekommen deshalb manchmal die Augenklappe angelegt, "aber der Habicht verzeiht einem nie einen Fehler", sagt Wolfgang Rost.

Die Tiere vergessen nie ein Erlebnis, bei dem sie sich erschrocken haben, dann ist das Vertrauen zum Falkner für immer angekratzt. Deshalb schaut Wolfgang Rost seinen Habicht stets respektvoll an. Auch auf die Schulter nehmen würde er ihn nicht, um Verletzungen an seinem Nacken zu vermeiden. Wenn die beiden bei Schautagen unterwegs sind, etwa beim Sachsen-Anhalt-Tag in Thale oder jüngst an der Schneidlinger Schule zum Tag des Waldes, deckt er die Krallen mit der Hand ab, will ein Besucher den Vogel mal streicheln.

Zeit ist eine wichtiger Faktor, damit Kontakt intensiv ist

"Sie ist jetzt im vierten Flug", erklärt Wolfgang Rost Kiras Alter von drei Jahren. Nach der Geburt des Habichts im Frühjahr, muss er im Alter von noch nicht einem Jahr seinen ersten Flug unternehmen. Im Juni 2008 sind Falknerkollegen zu einem Nest geklettert, um den Jungvogel zu entnehmen. Das dürfen nur geprüfte Falkner unter der Bedingung, dass je eine bestimmte Anzahl an Jungvögeln im Nest war und nach der Entnahme bleibt. Wolfgang Rost entschied sich Falkner zu werden wegen der stabilen Verbindung zwischen Mensch, Tier und Natur, die bei der Jagd entsteht. Auf die Tiere könne man sich 100-prozentig verlassen, sagt er. Nach der Entnahme aus dem Nest kommt der Vogel für drei Monate in eine Aufzuchtkammer mit einem aus Ästen gebauten Horst. Hier teilte Wolfgang Rost den Hundezwinger seines Jagdhundes in zwei Teile, damit sich der Vogel schon während der Aufzucht an den Hund gewöhnt, mit dem er später einmal jagen soll. Nach den drei Monaten geht eine langwierige Geduldsarbeit los.

"Das Zauberwort der Falkner ist Zeit", sagt Wolfgang Rost, "der Kontakt muss immer sehr intensiv sein." Das Tier bekommt nach der Aufzucht das "Geschüh" angelegt, die Fußfesseln, die an einer Leine festgemacht sind, und darf auf die Außenanlage. Von da an füttert der Falkner den Vogel täglich mit der Faust, mit Kükenbeinen und anderem. "Der Vogel muss lernen, dass die Faust des Falkner der Ort ist, wo er sicher ist", erläutert Wolfgang Rost. "Beim Atzen", so heißt das Füttern in der Falknersprache, "geht man dann immer weiter weg mit der Faust, bis er fliegt". Dieses "Abtragen" des Habichts wird noch mit Sicherheitsleine geübt, bis Falkner und Habicht sich ohne Leine auf das freie Feld wagen können.

Wird der Vogel auch im Freien zurückkommen? Natürlich kam Kira bisher jedes Mal zurück. Beim Training auf den Neundorfer Feldern schmeißt der Falkner sie auf einen Baum, entfernt sich und pfeift. Kira sieht man nicht nahen, bis sie plötzlich wieder auf der Faust sitzt. Bei der Jagd fliegt sie ganz nah über den Boden entlang, schnell und fast unsichtbar. Nur beim Greifen der Beute steigt sie kurz vorher auf, um dann mit beiden Klauen die Beute zu packen. Mit den Krallen zermalmt der Greiftöter das Genick des Hasen. "Der Habicht ist ein Beizvogel fürs Gebüsch, für den Waldesrand". Dort "schlägt", also erlegt, er Niederwild: Hasen, Kaninchen, Fasane, für die Jagd zugelassene Krähen. Und das ziemlich selbstbewusst: Mit einem Eigengewicht von etwa einem Kilo versucht sich der Greifvogel an Hasen, die um die drei Kilo wiegen. Zur Jagd werden neben dem Falken auch der Bussard, Milan, Sperber, Habichtsartige wie der "Harris-Hawk" oder Geier trainiert. Mit Adlern erlegen Falkner auch Füchse oder junge Rehe.

Der Jagdtross ist erst komplett mit Vogel, Hund und Mensch. "Der Hund riecht gut, der Vogel jagt und sieht gut. Der Mensch ist eigentlich der blindeste in dem Verein", erklärt Wolfgang Rost mit einem Lächeln. Auf der Jagd geht der Jagdhund voraus, bis er eine Witterung aufgenommen hat und in seiner typischen Haltung vorsteht. Wenn Falkner und Vogel herbeigeeilt sind, scheucht der Hund das Wild auf, so dass der Vogel seine Jagd beginnen kann. War die Jagd erfolgreich, nimmt der Falkner dem Vogel die Beute nach einigen Happen ab.

In dieser Jagdformation ersetzt der Vogel das Gewehr. "Die Jagd mit der Waffe ist in stadtnahen Gebieten gefährlich für andere Menschen. Auch auf Friedhöfen kann so sicherer gejagt werden", erklärt Wolfgang Rost die Möglichkeiten der Falknerei, die sich gerade jetzt, wenn Wildtiere immer näher an den Menschen heranrücken, als vorteilhaft erweisen. Aber bereits Dschingis Khan hat die Falknerei nach Europa gebracht.

Trotz des ernsten Unterfangens der Jagd und des vorsichtigen Umgangs mit dem Tier ist Kira dem Falkner ans Herz gewachsen. "Doch, doch, sie ist schon eine Art Haustier geworden. Wir setzen uns auch manchmal hin zum Schmusen", sagt der sonst eher ernsthafte Mann mit einem Lächeln, "da knabbert sie mir am Kopf herum."