Ein Stück altes Staßfurt lebt bei den Stadtwerken neu auf. Das kommunale Unternehmen hat einen originalen Straßenbahnwagen erworben, der einst in der Salzstadt fuhr und nun restauriert werden soll. Gestern kam das schwergewichtige Vehikel in Staßfurt an.

Staßfurt. 11,50 Meter lang und zwölf Tonnen schwer – ein echter Koloss hat gestern in Staßfurt seine gut zweitägige, rund 130 Kilometer lange Reise beendet. Es ist ein Straßenbahnwagen der Marke Lowa, der von Naumburg/Saale nach Staßfurt, in seine alte "Heimatstadt", transportiert wurde. "Für uns ist das wie ein Spielzeugwagon", sagt Jörg Betzitza vom gleichnamigen Schwertransportunternehmen in der Saalestadt, wenn er den Transport und seine Umstände beschreibt, die Otto-Normalverbraucher staunend machen.

"Schwierig war die Verladung", sagt Jörg Betzitza. Denn die Straßenbahn hatte ihre längste Zeit im Fahrbetrieb hinter sich und stand seit gut 20 Jahren im Garten des Luisenheims in Naumburg. Hier keine Spur von holpernden Schienenläufen, im Gegenteil: Die Senioren des Hauses nutzten den Wagen als gemütliches Cafè. Er war mit einer Rampe umbaut, die einem Bahnsteig glich, alles war schön begrünt, doch in den letzten zwei Jahren ungenutzt. "Die Straßenbahn aus diesem Umfeld zu holen, war nicht einfach", so der Transportunternehmer. "Wir wussten nicht, ob das Fahrgestell die neuerliche Bewegung noch aushalten würde und der Aufbau stabil genug ist." Ein 35-Tonnen-Sattelschlepper wurde an den Wagen gefahren, mittels einer Winde und über eine Spezialrampe wurde der Wagon auf den insgesamt 20 Meter langen Lastkraftwagen gezogen. "Diese Rampe ist speziell für die Straßenbahnwagen entwickelt. Ihr Gefälle auf 14 Metern Länge ist so ausgerichtet, dass der Wagon wegen seiner weit hinten liegenden Vorderachsen nicht am Boden schleift, wird er auf den Transporter gezogen." Erprobt ist das Verfahren allerdings lediglich auf Schienen, nicht "in der Natur", wie Jörg Betzitza sagt. Mit Fingerspitzengefühl und viel Feinarbeit gelang es den Spezialisten, den Wagen auf den Lastkraftwagen zu ziehen, um ihn in die Salzstadt transportieren zu können.

Verladung mit Fingerspitzengefühl

Für Staßfurt hat das Gefährt eine besondere Bedeutung. Der ET 54 Einheitswagen traf am 2. April 1955 im Depot, den heutigen Stadtwerken, ein. Am 25. April absolvierte der Triebwagen Nummer 20 seine Probefahrt mit Bravour und war ab dem 15. Mai permanent bis 1957 im Dienst. Dann kam er nach Magdeburg. Um die Rückkehr in die Heimatstadt hat sich besonders Volker Schulz, der Geschäftsführer der Stadtwerke und Leiter des Stadtpflegebetriebes, bemüht. Der 65-Jährige wird am Freitag offiziell aus seinen Ämtern verabschiedet, bevor er Ende des Monats in den Ruhestand geht. Bereits in den Einladungen zu seiner Verabschiedung berichtete Volker Schulz über das Vorhaben, bat um Spenden anstelle großer Geschenke: "Wir wollen der Nachwelt die Staßfurter Straßenbahngeschichte lebendig erhalten", sagt der Stadtwerkechef.

Schon einmal, als im Jahr 2000 in Staßfurt 100 Jahre Elektrizität gefeiert wurde, war ein Straßenbahnwagen zur Besichtigung in der Stadt. Daran wollte man jetzt anknüpfen. Zumal im Gebäude der Stadtwerke nicht nur das Depot der Straßenbahn war. Ab 1912 übernahmen die "Staßfurter Licht- und Kraftwerke AG", Vorgänger der heutigen Stadtwerke, den Betrieb des öffentlichen Verkehrsmittels.

Viele Verbindungen zu Staßfurt

Diese Anhaltspunkte ermutigten Volker Schulz und seine Freunde, das Wagnis in Angriff zu nehmen. So begannen die Recherchen. Elke Heitmann, für Öffentlichkeitsarbeit bei den Stadtwerken zuständig, machte sich auf die Suche nach einem Originalwagen, einem der Marke Lowa, der wirklich in Staßfurt im Linienbetrieb fuhr. Sie sammelte Anhaltspunkte im Straßenbahnmuseum Leipzig, dem Straßenbahnverein Gotha und kam schließlich zu den Nahverkehrsfreunden Naumburg. Die wussten um den Wagen im Luisenheim.

Die Leitung der Einrichtung war wiederum froh, dass die Straßenbahn in Hände gelangte, die sich liebevoll um das Kleinod kümmern und seinen Wert schätzen würden. Denn viele Wagen, das bestätigt auch Fuhrunternehmer Jörg Betzitza, wurden in den vergangen Jahren auf die Halde gebracht – ein lukratives Geschäft bei den Schrottpreisen.

Daran ist in Staßfurt gar nicht zu denken. Besonders, weil Papiere den Einsatz der Straßenbahn in Staßfurt belegen. Diese Tradition verpflichtet unbedingt.

Wagen soll für Besucher offen sein

Der Wagon soll nun mit Hilfe heimischer Unternehmen und Sponsoren auf Vordermann gebracht werden. Originalfarbe und Aufmöbelung der Ausstattung inklusive. "Danach soll die Straßenbahn im Eingangsbereich der Stadtwerke am Athenslebener Weg aufgestellt werden", sagt Elke Heitmann. Geplant ist, eine kleine Ausstellung zur Staßfurter Straßenbahngeschichte im Wagen zu installieren und ihn bei Veranstaltungen oder für Besuchergruppen zu öffnen.

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